Wenn die Eltern Fremde wurden

Warten, dass das Leben beginnt - Burghofbühne Dinslaken im Bühnenhaus Wesel
Warten, dass das Leben beginnt - Burghofbühne Dinslaken im Bühnenhaus Wesel
Foto: NRZ
Was wir bereits wissen
Ein Gastspiel der Burghofbühne im Weseler Bühnenhaus machte das Schicksal der Kinder von „Gastarbeitern“ mit vielen berührenden Aspekten zum Thema.

Wesel..  Die Geschichte, welche die Burghofbühne Dinslaken mit Anja Tuckermanns preisgekröntem Schauspiel „Warten, dass das Leben beginnt“ auf der Hinterbühne des Städtischen Bühnenhauses erzählte, steht beispielhaft für die vielen Schicksale ausländischer „Gastarbeiter“, die vor über 50 Jahren die deutsche Wirtschaft mit ankurbeln sollten.

Der Familienvater, angeworben mit verlockenden Verheißungen von mehr Geld und Luxus, wandert für die Arbeit nach Deutschland aus. Eigentlich nur für zwei Jahre, aber daraus werden schnell zehn und mehr. Seine Frau kommt nach Deutschland, die Familie in der Heimat ist groß, und die Ansprüche wachsen. Was passiert mit den Kindern, die – aus Angst vor Entfremdung durch die andere Kultur, die fremde Sprache – zu Hause bei den Großeltern gelassen werden? Die Eltern kehren erst nach zehn Jahren zurück – als Urlauber.

Diese Fragestellung und Sichtweise macht das Besondere an Anja Tuckermanns Erzählung von Sehnsüchten, Entfremdung und zerrütteten Familien aus. Schicksale türkischer, griechischer, jugoslawischer oder italienischer „Gastarbeiter“ in Deutschland sind oft erzählt worden, nicht aber die der daheim gebliebenen Kinder. Die Situation, wenn Briefe zum Höhepunkt des Alltags werden. Die Vorfreude, wenn die Eltern nach so langer Zeit nach Hause kommen, und die Enttäuschung wenn aus ihnen Fremde geworden sind. Wie die Kinder leiden, wenn die Eltern wieder nach Deutschland reisen, um die immer „gefräßiger“ werdende Familie in der Heimat mit Geld und Luxusgütern zu versorgen. Dazu gehört auch, wie ernüchternd eine Rückkehr nach so langer Zeit für die Eltern in die ersehnte Heimat sein kann. „Ich habe immer von der Heimat geträumt. Nun bin ich hier und sie verstehen mich nicht“, sagt die Frau in „Warte, dass das Leben beginnt“.

Reduziertes, intensives Theater mit spärlichen Requisiten: Vier kahle Bäume, zwischen denen Wäscheleinen gespannt sind, ein alter Kleinbus und ein Teppich auf dem Boden davor als Symbole des Alltags der türkischen Familie.

Yasar Kocadag, Zuschauer der Aufführung und Teilnehmer eines VHS-Deutschkurses, hat diese und ähnliche Geschichten selber oft gehört. „Sie betreffen vor allem die türkischen Arbeiter der ersten Generation“, sagt er. Also jene, die zwischen 1961 und 1973 nach Deutschland reisten, um in der boomenden Wirtschaft ihre Arbeitskraft einzusetzen. In jener Zeit bewarben sich etwa 2,7 Millionen Menschen um eine Einreise, tatsächlich kamen rund 750 000 nach Deutschland.

Die Hälfte aller in dem Zeitraum angeworbenen Arbeitskräfte ging später wieder in die Türkei zurück. Die andere Hälfte blieb in Deutschland, oft ihren Kindern zuliebe, die hier ihre Heimat gefunden hatten.