Urlaubsidylle in der Wacholderheide

Diplom-Biologe Klaus Kretschmer führt in einem Spaziergang durch die „Wacholderheiden in der Lippeaue“. 
Diplom-Biologe Klaus Kretschmer führt in einem Spaziergang durch die „Wacholderheiden in der Lippeaue“. 
Foto: Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE
Die Wacholderheide zwischen Drevenack und Schermbeck gehört zu den letzten ihrer Art in der Region – und ist daher ganz bestimmt einen Besuch wert. Unterwegs mit Diplom-Biologe Klaus Kretschmer

Schermbeck/Hünxe..  Was denn nun? Beere oder Tanne? Der Diplom-Biologe schaut ein wenig irritiert. Nun ja, es heiße ja schließlich Wacholder-Beere. „Falsch“, der Exkursions-Teilnehmer hebt triumphierend den Zeigefinger. „Eine Tanne“, glaubt er zumindest – hat Günther Jauch gesagt, bei „Wer wird Millionär?“. Da gab es mal so eine Frage, und zwei der Antwortmöglichkeiten waren eben „Beere“ und „Tanne“, an die anderen beide könne er sich nicht mehr erinnern, wohl aber an die Erklärung. „Der Wacholderstrauch ist ein Nadelbaum.“ Klingt logisch, nachprüfen kann es gerade niemand. Denn die kleine Truppe rund um Klaus Kretschmer, Mitarbeiter der Biologischen Station Kreis Wesel, erkundet ein kleines Schermbecker-Naturhighlight: Eine der letzten Wacholderheiden in der Region.

Beinahe könnte man denken, man befinde sich nicht am Niederrhein, sondern inmitten idyllischer Dünen an der Nordsee. Unter den Schuhsohlen knirscht der feine Sand, Sträucher und Gräser aller Art türmen sich rechts und links auf, hier und da sorgt der blühende Fingerhut für bunte Farbkleckse in der Natur. In den Büschen zirpen und brummen die tierischen Bewohner. Es geht mal hoch, mal runter. Nur die massiven alten Stieleichen, die überall hervorragen, erinnern daran, dass hinter den Sandbergen nicht die Nordsee wartet, sondern der Naturpark Hohe Mark Westmünsterland, der sich über 1000 Quadratkilometer zwischen dem Münsterland und dem Niederrhein erstreckt. Und dazu gehören auch die mit Wacholdersträuchern bestückten Loosenberge zwischen Schermbeck und Drevenack, versteckt im Wald.

Der Weg zu diesem kleinen Stück Idylle ist nicht weit, die Naturkundler treffen sich am Wanderparkplatz „Loosenberge“ nahe der B58. Die Biologische Station im Kreis Wesel hat zum informativen Spaziergang durch das Gebiet geladen. Zur Wacholderheide dauert es zu Fuß nur wenige Minuten. Dem Wanderweg durch den Wald folgend, gelangen Besucher direkt zu einer majestätisch wirkenden Eiche, die das kleine Urlaubsidyll schon von Weitem ankündigt. Angekommen, wandelt sich der steinig-erdige Waldboden in feinen Sand; so einladend, dass Schuhe an warmen Sommertagen nur lästiges Beiwerk sind.

Doch mit dem Sand an Stränden hat der hiesige wenig zu tun. „Er ist nährstoffarm, am Meer gibt es Muscheln, die sich – feingerieben durch das Wasser – unter den Sand mischen“, erklärt Kretschmer. Die Spaziergänger merken den Unterschied nicht, wohl aber die Pflanzenwelt. Denn der Sand speichert nur sehr schlecht Wasser und gibt kaum Nährstoffe ab, was die Vielzahl der gut 150 Jahre alten Eichen erklärt. Denn die Stieleiche kommt wunderbar mit solch kargen Böden zurecht.

2000 Tierarten

Am Rande des beginnenden Sandpfades kündigen die ersten Wacholdersträucher, säulenartig emporragend oder kugelförmig am Boden wachsend, schon den gut fünf Kilometer langen Dünenzug an. Durch ein kleines Holztor lassen die Wanderer den Wald mit einem Schritt hinter sich.

Der Weg ist umzäunt von morschen Holzbalken und Drahtgeflechten, denn die Heide soll bald wieder durch Schafe beweidet werden, um die typischen Tier- und Pflanzenarten zu erhalten. Denn die wolligen Bewohner beißen all das weg, was die heimische Flora verdrängen könnte und sichern so das Überleben des Naturschutzgebietes. Die für Heiden charakteristischen Wacholdersträucher zum Beispiel rühren sie nicht an – ungenießbar.

Der niedrige Zaun stört die Pflanzenwelt wenig, ganz einfach bahnt sie sich einen Weg durch den Draht. Unerreichbar bleiben allerdings die knorrigen Eichen, hochgewachsen oder ausladend. Schön anzusehen sind sie trotzdem. 2000 Tierarten leben hier, erklärt Klaus Kretschmer. Die meisten von ihnen verstecken sich im löchrigen Totholz — idealer Lebensraum zum Beispiel für Borken- und Hirschkäfer. Der dunkle Hirschkäfer meldet sich auch direkt, und lässt sich schnell auf dem warmen Sandboden ausmachen. „Vorsicht“, ruft einer der Wanderer, „bloß nicht drauftreten.“ Kretschmer hebt den Käfer auf und legt ihn behutsam an den Wegesrand. „Wenn Sie genau hinschauen, können Sie vielleicht auch eine Zauneidechse sehen“, der Biologe schaut sich suchend um. Doch die kleine Truppe hat das Reptil wohl verschreckt.

Zwischen den trockenen Sanddünen tut sich hin und wieder ein Stück Feuchtheide auf. Durch den Lehm im Boden staue sich hier das Wasser, erklärt Kretschmer. „Das hat zur Folge, dass auch andere Pflanzenarten durchkommen.“ Typisch sei zum Beispiel die rosa oder weiße Glockenheide.

Die Exkursion geht weiter, entlockt den Spaziergängern so einige „Ahs“ und „Ohs“. Die Wacholderheide ist ein kleines Naturspektakel, überall gibt es etwas zu entdecken, ob Tier oder Pflanze. Zum letzten Mal werden sie nicht hier gewesen seien, sind sich die Naturkundler einig — es ist wie ein echtes Urlaubsidyll.