Unsanfte Landung eines Wetterhahns

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Wesel..  Es war ein stürmischer Tag im Mai, als der Jugendleiter an der Lauerhaaskirche ins Pfarrheim eilte. Dieter Skusa wollte für die Kinder des offenen Ganztags das Wasser heiß machen, denn es sollte gebatikt werden. Kurz vor dem Eingang passierte es. Es gab einen lauten Knall, als unmittelbar vor seinen Füßen ein grünes Teil landete. Skusa dachte sich nicht viel dabei, hielt den Gegenstand für den Deckel der Regentonne und schob ihn achtlos mit dem Fuß beiseite. Erst als er das Haus wieder verließ und er den Deckel auf die Tonne legen wollte, erkannte er, um was es sich da handelt. Es war der Wetterhahn der Lauerhaaskirche, der seit 1931 die Kirchturmspitze zierte. In diesem Moment wurde es dem Jugendleiter dann doch ein bisschen mulmig, denn der Hahn bringt einiges auf die Waage und hätte ihn durchaus ernsthaft verletzen können.

Gestern dann gab es Besuch in der evangelischen Kirchengemeinde. Drei Frauen, die Töchter des ersten Pfarrers an der Lauerhaaskirche, Emil Tappenbeck, schauten vorbei. Und sie hatten verständlicherweise großes Interesse an dem Wetterhahn. Zwar ist die Inschrift nicht mehr ganz eindeutig lesbar, doch der Name ihres Vaters, der Jahrgang der Kirche (1931), der Name des Moerser Architekten Baumann und das Herstellungsjahr 1930 sind noch gut zu erkennen. Margarete Tappenbeck aus Flensburg, Alida Martin, geborene Tappenbeck, aus Freiburg, und Angelika Hodges, geborene Tappenbeck, aus dem englischen Bedford freuen sich über das Federvieh aus Metall, wandeln sie doch ohnehin momentan auf den Spuren ihres Vaters.

Er war von 1927 bis 1939 Pfarrer in Obrighoven, bevor er nach Wuppertal-Vohwinkel ging, schließlich einen Teil seines Ruhestands im schwarzwäldischen Kirchzarten und am Ende noch drei Jahre bei seinem Sohn in Südafrika verbrachte. Im Jahr 1900 geboren, verstarb er dort 1975 im Alter von 75 Jahren.

Pfarrer Albrecht Holthuis hat über Emil Tappenbeck ein bisschen geforscht und im Jahrbuch des Kreises Wesel 2014 einen Beitrag dazu verfasst. Der ist auf Umwegen an die drei Schwestern gelangt. Holthuis berichtet über den „Kirchenkampf“, der sich zu einem Konflikt zwischen nationalsozialistischer Staatsideologie und Evangelischer Kirche entwickelte. Während zwei Pfarrer die Glaubensbewegung Deutscher Christen unterstützten, hielt sich Tappenbeck fern. Es begann ein schwelender Streit, in dem Tappenbeck aufgefordert wurde, sein Amt niederzulegen. Am Ende zog er sich zurück und wechselte nach Wuppertal.

Tappenbeck hatte übrigens die älteste Tochter von Pfarrer Wilhelm Over an der Willibrord-Kirche geheiratet. Bei ihm war er quasi in die Lehre gegangen, als er sich dabei prompt verliebte. Wilhelm Over traute am Ende sogar seine Tochter und Emil Tappenbeck.

Einschüsse aus dem Krieg

Heute wollen die Tappenbeck-Schwestern, die jedes Jahr eine gemeinsame Reise machen, im Stadtarchiv vorbeischauen. Dort soll es eine mehr als 100 Seiten umfassende Schrift über Wilhelm Over und den 1. Weltkrieg geben. Dessen Sohn Werner, ein Landschaftsgärtner, entwarf übrigens einen Plan für die gärtnerische Anlage der evangelischen Kirche in Obrighoven. Pfarrer Holthuis darf das Original behalten. Und der Hahn? Der soll wieder auf den Kirchturm kommen. Die Tappenbeck-Schwestern brachten einen Umschlag mit. Er enthält das Startkapital für das sichere Anbringen des Federviehs, das im Übrigen einige Einschusslöcher aus dem Krieg aufweist.