Turnen zwischen Trümmern

Nachkriegsturnen vor der Kaserne. Das blonde Mädchen im Spagat ist Karin Kell.
Nachkriegsturnen vor der Kaserne. Das blonde Mädchen im Spagat ist Karin Kell.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Trotz des Krieges hat Karin Kell viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Sie besuchte als kleines Mädchen die Gymnastikschule und wurde leidenschaftliche Sportlerin.

Wesel..  Mitten im Krieg ist sie geboren, hat den Vater im Bombenhagel auf die Stadt Braunschweig verloren, wurde mit dem Bruder und der kranken Zwillingsschwester nach Goslar evakuiert und fand als Fünfjährige Ende 1945 Zuflucht bei der Tante im vom Krieg gezeichneten Wesel. Ein guter Start ins Leben sieht für ein Kind ganz sicher anders aus. Und doch sitzt Karin Kell mit ihren heute 74 Jahren am Wohnzimmertisch und sagt aus tiefstem Herzen: „Ich hatte eine wirklich glückliche Kindheit. Diese Zeit möchte ich nicht missen.“

Lange hat Karin Kell überlegt, ob sie sich an der Weseler NRZ-Serie „70 Jahre danach“ überhaupt beteiligen soll. Weil sie unsicher war, ob ihre Geschichte in das Konzept passt. Denn hier geht es nicht um Verlust, Ängste und Entbehrungen, sondern um ein Mädchen, das zwischen Trümmern und Bombenkratern die Leidenschaft seines Lebens gefunden hat: das Turnen. Eine wunderbare, positive Geschichte, über die wir gerne berichten.

„Ich war so überglücklich, als meine Tante mir erlaubt hat, in die Gymnastikschule zu gehen.“ Als Neunjährige marschierte sie mehr als drei Kilometer zu Fuß, quer durch die Stadt, vorbei an den vielen Bombenkratern, um mit den anderen Mädchen zu turnen. „Damals gab es keine Turnhalle, es war ja alles zerstört“, erinnert sich Karin Kell. Ihre erste Turnstunde war in den Pferdeställen der Reitzenstein-Kaserne. Sie weiß noch sehr genau, wie es dort aussah, erinnert sich an die schwarzen Pflastersteine, auf denen sie Handstand und Spagat übten. „Die waren ganz ölig, so dass wir nachher alle immer schwarze Füße hatten.“

Auch der Schulsport fand an einem ungewöhnlichen Ort statt. Karin Kell hat ein Foto aus ihrem Album herausgesucht. „Das dahinten bin ich“, sagt sie und lächelt. Zu sehen ist ein drahtiges und enorm biegsames junges Mädchen, das gerade höchst akrobatisch einen Handstand auf den Oberschenkeln ihrer Mitschülerin macht. Im Hintergrund ist die Hansaring-Schule zu sehen. „Die war damals erst halb aufgebaut.“ So dass die Kinder draußen im Gras turnten, neben einem riesigen Bombenkrater, der voller Schutt war.

Weil die kleine Karin so begabt war, wurde sie von Erwin Kühler, dem Gründer der Gymnastikschule, gefördert. „Ich brauchte keinen Beitrag zu bezahlen.“ Was eine große Erleichterung war, denn das Turngeld wäre für die Familie ein kleines Vermögen gewesen. Außerdem bekam das sportliche Mädchen die schwarze Turnhose und das Achselhemd geschenkt. Und natürlich den gelben Aufnäher mit dem großen G für Gymnastikschule. „Wir waren so stolz in dieser Kleidung.“ Erwin Kühler war es auch, der Anfang der 50er Jahre eine Turnhalle baute. „Die war da, wo heute das Hochhaus am Bahnhof ist.“ Ein zweites Zuhause für Karin Kell. Und wenn sie nicht in der Halle war, dann übte sie daheim weiter.

„Meine ganze Jugend habe ich mit Turnen verbracht.“ Die Mädchen fuhren zusammen ins Zeltlager, zu Wettkämpfen und kehrten glücklich mit Lorbeerkränzen und Blumensträußen zurück. Dabei entstanden Freundschaften, die bis heute gehalten haben. Karin Kell trifft sich noch immer mit einer ganzen Reihe von Frauen, mit denen sie schon damals geturnt hat. Und: Sie ist dem Sport treu geblieben. Auch mit 74 Jahren turnt sie noch einmal in der Woche und ist seit 18 Jahren Vorsitzende der Gymnastikschule.

Natürlich ist der Krieg mit all seinen schrecklichen Seiten auch an Karin Kell nicht spurlos vorüber gegangen. Der Vater starb, das kleine Mädchen spürte die Angst und Verzweiflung der Erwachsenen und musste genau wie die meisten anderen Kinder mit wenig auskommen. „Aber zum Glück, war ich in der schlimmsten Zeit noch sehr klein, so dass die Erinnerungen daran verblasst sind“, sagt sie. Und vor allem fand sie den Sport, der ihr zwischen Trümmern und Wiederaufbau die Lebenskraft gab. „Das war wirklich eine sehr schöne Zeit.“