So macht man den richtigen Schnitt

Wo und wie man die Säge ansetzen sollte, demonstrierte Ingo Korthauer auf  dem Hof von Alfons Stratmann.
Wo und wie man die Säge ansetzen sollte, demonstrierte Ingo Korthauer auf dem Hof von Alfons Stratmann.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Streuobstwiesen-Verein Hamminkeln zeigt interessierten Obstbaum-Besitzern, wie’s gemacht wird. Wachstum, Frucht-Qualität und Optik hängen davon ab

Hamminkeln..  Eine hohe Spitze und drei bis vier Leittriebe sollte er haben, die Krone einen pyramidenförmigen Aufbau aufweisen und dabei schön licht- und luftdurchlässig sein. Wie ein perfekt gepflegter Obstbaum aussehen sollte, hatten die rund 20 Teilnehmer des Schulungskurses „Pflanzung und Pflege von Streuobstbäumen“ zunächst in der Theorie gelernt. Am Samstag schnupperten sie dann Praxisluft und durften sich, unter fachmännischer Anleitung, auf einigen Streuobstwiesen in Hamminkeln an Baumschere und Japan-Säge versuchen. Unter anderem auf einer Wieses des Hofes der Familie Stratmann.

In drei kleinen Grüppchen zogen die lernwilligen Schnitt-Schüler mit je einem Kursleiter über die rund 1,3 Hektar Streuobstwiese, um unter den rund 60 Bäumen verschiedenster Sorten passende, pflegebedürftige Exemplare zu finden. Ein Zwetschgenbaum etwa brauchte einen Pflegeschnitt: „Der Wind hat die Krone heraus gerissen, und er ist ein bisschen dicht gewachsen“, sagte Kursleiter Volker Steck. „Der wird jetzt ausgedünnt und repariert.“

Erziehung klappt nicht immer

Ausgedünnt werden bedeutet, dass die zahlreichen kleinen Ästchen, die die Baumkrone verdichten, entfernt werden. „Man muss einen Hut hindurch werfen können“, veranschaulichte der Kursleiter das angestrebte Ideal. Vom Pflegeschnitt zu unterscheiden ist der Erziehungsschnitt, wussten die Kursteilnehmer schon. „Beim Erziehungsschnitt hat man eine Idee, wie er wachsen soll, und so schneidet man ihn dann“, erläuterte Steck. Seine Schüler mussten feststellen, dass sich die Obstbäume manchmal einfach nicht an den Plan halten wollen.

Ein schönes Anschauungsbeispiel lieferte ein dreijähriger Boskoop. „Der hat keine Spitze“, so der Kursleiter. „Man nimmt nur ein paar Äste raus, aber dem Plan, den wir hatten, können wir hier nicht folgen.“

„Mein Vater und seine Generation hätten das ganz anders gemacht, aber sie hatten auch viel mehr Zeit“, stellte Kursteilnehmer Frank Fitting fest. Der 44-Jährige hat etwa 20 Obstbäume im Garten. Der Kurs solle ihm helfen, Altes zu erhalten. „Es ist eine Schande: Die Bäume wurden jahrelang gepflegt, und durch den Generationenwechsel geht das jetzt verloren“, meinte er. Auch Matthias Lohmann (43) macht beim Kurs mit und verspricht sich davon für den Umgang mit seinen Bäumen, „dass man wirklich mal sicher sein kann und auch weiß, warum es so gemacht wird.“ Ähnlich geht es Heinrich Lötting. „Ich habe auch vorher schon geschnitten, aber sicher nicht fachgerecht“, erläutert der 56-jährige Besitzer von sieben Obstbäumen.

Größter Fehler: Nichts tun

„Der größte Fehler, den man machen kann, ist, gar nichts zu machen“, so Siegfried Pieper, ebenfalls Kursleiter. Ordentlich gepflegte Bäume brächten gleich drei Vorteile mit, weiß Rainer van Nahmen, der sich im Niederrheinisch-Westfälischen Streuobstwiesen-Verein für deren Schutz und Erhaltung engagiert: „Sie haben eine bessere Qualität der Früchte, mehr Stabilität durch Leitäste und Fruchtäste, und es sieht auch schöner aus.“ Die Streuobstwiesen seien ein landschaftsprägendes Kulturgut, und doch wurde das Wissen um die richtige Pflege der Bäume nicht traditionell weitergetragen. Es wieder zu verbreiten ist Anliegen des Streuobstwiesen-Vereins - darum veranstaltet er die Schnittkurse. Um sie für die Teilnehmer kostenlos anbieten zu können, kam über das Leader-Projekt Geld von der Europäischen Union.