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400-Euro-Jobs

Senioren mit Maxi-Erfahrung im Minijob

10.02.2012 | 18:07 Uhr
Senioren mit Maxi-Erfahrung im Minijob
Der 75-jährige Hans Jürgen Schneider ist auf 400 Euro-Basis Organist in Hamminkeln. Foto: Heinz Kunkel

Kreis Wesel.   Die Zahl der älteren Menschen ab 60 Jahren, die sich etwas zur Rente dazu verdienen, steigt im Kreis Wesel.

Christian Beuchelt ist ein angesehener Maschinenschlosser, als ihn eines Tages sein Chef zu sich ins Zimmer bittet und ihm mitteilt: Das war’s. Sein Arbeitgeber, die „Babcock Borsig AG“ in Oberhausen, erklärt 2002 seine Zahlungsunfähigkeit, das Insolvenzverfahren wird eröffnet. Für Christian Beuchelt bedeutet das nach 33 Jahren im Unternehmen das Aus. Er ist damals erst 55 Jahre alt. „Da steht man da, guckt aus dem Fenster - und da ist nichts mehr“, erinnert sich der heute 63-Jährige. Eine qualitativ gleichwertige neue Stelle findet er nicht mehr. Ende 2004 nimmt er einen 400 Euro-Job an - der sich für ihn als rettender Anker erweist. Christian Beuchelt und seine Frau Annemarie (61) Beuchelt aus Wesel-Bislich zählen zu den derzeit 8441 Menschen ab 60 Jahren, die derzeit im Kreis Wesel einer geringfügig entlohnten Beschäftigung nachgehen, wie es im Bürokratendeutsch heißt. In den vergangenen Jahren ist ihre Zahl gestiegen.

Die Arbeit als Küster ist mehr als ein Zubrot

Christian Beuchelt trifft die Arbeitslosigkeit Knall auf Fall. Armin Becker, noch heute Pastor in der evangelischen Kirchengemeinde Bislich, Diersfordt, Flüren, fängt ihn auf. Er bietet seinem Gemeindemitglied, das bereits 20 Jahre lang als Presbyter gearbeitet hat, in Bislich einen 400 Euro-Job als Küster an. Fortan kümmert sich Christian Beuchelt um Kirche und Gemeindehaus in Bislich, mäht den Rasen, fällt Bäume, chauffiert den Gemeindebus, bereitet mit seiner Frau Annemarie Beuchelt den Gottesdienst vor. Als er 2008 mit 60 Jahren in Frührente geht, was den bitteren Verlust von 18 Prozent Rente bedeutet, teilt er sich von da an den Minijob mit seiner Frau, die auch in der Frauenhilfe der Gemeinde aktiv ist. Beide sind mit Herz bei der Sache. Das ist so „bei allem, was man gerne tut“, sagt Annemarie Beuchelt.

Auch ihr Mann schätzt „das Zubrot“, er fühlt sich gebraucht. Hätte ihm Pfarrer Becker damals nicht den 400 Euro-Job angeboten, „wüsste ich nicht, ob ich hier sitzen würde“. Und dennoch, und da spricht der langjährige IG Metall-Gewerkschafter Christian Beuchelt, sagt er grundsätzlich über Minijobs: „Eigentlich ist das nichts“ - für einen gestandenen Facharbeiter.

„Betriebe schließen, Löhne nicht hoch genug“

Dass 400 Euro-Jobs auf Dauer feste, sozialversicherungspflichtige Stellen verdrängen, sieht Friedhelm Bierkant, Vorsitzender der IG Bauen, Agrar, Umwelt für den Bezirksverband Duisburg-Niederrhein. Immer mehr Senioren würden jobben, weil die Rente nicht reiche. Die Ursachen aus seiner Sicht: Viele könnten nicht mehr aus gesundheitlichen Gründen bis 65 Jahren arbeiten, „Betriebe machen dicht“ und Löhne seien nicht hoch genug, was sich wiederum auf die Rente auswirke.

Über die Motive, warum sich Ältere für einen 400 Euro-Job entscheiden, „haben wir keine offiziellen Erhebungen“, sagt Claudia Müller, Sprecherin der Minijob-Zentrale Essen. Aber interne Erfahrungen gebe es. So spielten neben dem Geldverdienen auch ideelle Motive eine Rolle wie „die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und das Gefühl gebraucht zu werden“.

Der Spaß an seinem Engagement steht für Hans Jürgen Schneider auf jeden Fall im Mittelpunkt. Der 75-Jährige sitzt seit viereinhalb Jahren an der Orgel in der evangelischen Kirche in Hamminkeln-Ringenberg. Pfarrer Norbert Ittmann „hatte mich per E-Mail gefragt, ob ich das machen möchte“. Schließlich hatte er schon als Vertretung sein Können unter Beweis gestellt und zuvor 20 Jahre lang in Brünen. Nun spielt er bei den sonntäglichen Gottesdiensten in Dingden und Ringenberg. Dem früheren Studiendirektor geht es nicht ums Geld. Er, der im Alter von 48 Jahren mit dem Orgelspiel begann, liebt, was er macht. „Musik kann man bis ins hohe Alter betreiben“, sagt der 75-Jährige.

Annemarie (61) und Christian (63) Beuchelt teilen sich in der Kirchengemeinde einen 400 Euro-Job. Foto: Markus Joosten

Bei Hans Jürgen Schneider und dem Ehepaar Beuchelt agieren jeweils die Kirchengemeinden als Arbeitgeber, die wiederum zum Kirchenkreis Wesel gehören. Rund 50 Menschen mit 400 Euro-Jobs beschäftige der Kirchenkreis, so Mike Schlößer, Abteilungsleiter der Personalabteilung. Der Anteil der über 60-Jährigen liege bei maximal 15 Prozent. Dies führe nicht zur Einsparung von Vollzeitstellen.

Wie sieht es anderswo aus? Die Stadtverwaltung Wesel beschäftigt fünf Garderobieren im Bühnenhaus auf Minijob-Basis, drei von ihnen sind über 60, so Dieter Gerten, Teamleiter Personal. Hinzu kämen bis zu 15 Kräfte, die nur für bestimmte Veranstaltungen - wie im Karo oder Bühnenhaus - geordert werden. Eine überschaubare Zahl. Dieter Gerten: „Wenn nicht wir, wer soll dann vernünftige Arbeitsverhältnisse bieten?“

Ein gutes Stichwort für Christian Beuchelt, gelernter Maschinenschlosser und praktizierender Küster. Gefragt, was sich seiner Meinung nach für Ältere in der Arbeitswelt ändern müsste, antwortet er: „Die Sichtweise der Chefs. Es geht im Alter ja nur die Leistungsfähigkeit zurück“, sagt der 63-Jährige. „Dies könnte man auffangen durch vorhandenes Wissen und Erfahrung. Aber der Maschine wird Vorrang gegeben.“

13 Prozent mehr

Im Kreis Wesel hatten Ende 2011 genau 8421 Menschen ab 60 Jahren einen Minijob. Diese Zahl weist die Statistik der Minijob-Zentrale aus. Das sind rund 13 Prozent mehr als im Jahr 2004, als es laut Minijobzentrale, die 2003 gegründet wurde, erstmals belastbares und mit Folgejahren vergleichbares Zahlenmaterial gegeben habe. In der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen stieg die Zahl der Minijobs zwischen 2004 und 2011 um acht Prozent auf 3629. Bei den über 65-Jährigen waren 2011 genau 4792 geringfügig entlohnt beschäftigt. Das sind 16 Prozent mehr als im Jahr 2004.

Susanne Storck

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Kommentare
15.02.2012
16:36
Senioren mit Maxi-Erfahrung im Minijob
von David2012 | #1

Zunächst einmal möchte ich klarstellen, dass ich den Leuten ihren Minijob gönne. Insbesondere wenn jemand zu früh aus den Aufgaben fällt und somit auch die Rente gekürzt wird. Bedenklich ist daran nur, dass die Kirche eine Situation nutzt um Geld zu sparen bzw. auch ordentliche Arbeitsverhältnisse mit Soz. - Versicherungspflicht verhindert. Ist eigentlich auch schon mal in Presbyterien diskutiert worden wieviel eine Gemeinde sparen würde wenn sie die Pfarrstelle ohne Besetzung läßt, das Pfarrhaus vermietet und die Gottesdienste und Amtshandlungen durch Ruhestandspfarrer durchführen lassen würde. In Folge könnten dann sicher auch Stellen in der Kirchenleitung wegfallen. Insbesondere gibt es ja auch Ruhestandsjuristen die die Hauptamtlichen ersetzen könnten. Wenn gespart werden soll dann bitte keine Tabus.

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