Selbsthilfegruppen präsentierten sich in Wesel

Die Vertreter der Selbsthilfegruppen suchten das Gespräch mit Passanten.
Die Vertreter der Selbsthilfegruppen suchten das Gespräch mit Passanten.
Foto: Foto: Johann Ridder / FUNKE Foto
19 Gruppen zeigten in der Innenstadt, dass sie eine sinnvolle Ergänzung sind. Dringend gesucht: Selbsthilfegruppe für Diabetiker des Typs 2.

Wesel..  Bei einer Vielzahl von Erkrankungen oder sozialen Problemen finden viele Betroffene Hilfe in einer Selbsthilfegruppe. Dabei geht es weniger um eine konkrete Therapie, sondern um den Austausch mit anderen Menschen, die unter dem gleichen Schicksal leiden. Insgesamt 355 Selbsthilfegruppen verzeichnet die Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen Wohlfahrtverbandes im Kreis Wesel. 19 von Ihnen präsentierten sich am vergangenen Samstag beim Tag der Selbsthilfe rund um das Berliner Tor. Ihr Ziel: Die Möglichkeiten der Selbsthilfe bekannter zu machen.

Nur eine Gruppe für Diabetiker

„Diese Bewegung hat früh angefangen mit den ersten Alkohol-Selbsthilfegruppen“, erklärt Sandra Tinnefeld von der Selbsthilfekontaktstelle. „Mittlerweile ist es so, dass die Themen vielfältiger werden. Die Gruppen für psychische Erkrankungen und die Nachfrage danach nimmt zu und es gibt inzwischen auch Gruppen für soziale Problematiken, wie Trennung, Scheidung oder Mobbing.“ Neben diesen sind auch Selbsthilfegruppen für Menschen mit langwierigen und chronischen Erkrankungen keine Seltenheit mehr. So gibt es in Wesel Gruppen für Krebspatienten, Diabetiker oder Menschen mit Multipler Sklerose.

Vorreiter waren die „Anonymen Alkoholiker“, die in diesem Jahr ihr 80-jähriges weltweites Bestehen feiern. Auch sie waren mit einem Stand vertreten, beantworteten Fragen und gaben Informationen. „Es kommen nicht nur die Menschen, die selbst Alkoholiker sind, sondern auch die, die Betroffene in der Familie haben“, weiß Lutz aus Borken am Stand von „AA“. „Alkoholismus ist ein Familienproblem.“

Deshalb gibt es neben den Treffen der Anonymen Alkoholiker für die Betroffenen selbst auch Gruppen speziell für die Familien von Alkoholikern der Selbsthilfeorganisation Al-Anon. Wichtiges Konzept beider Gruppen, die eng zusammenarbeiten, ist die Anonymität. Der Selbsthilfetag ist der einzige Anlass, bei dem sich die Organisation präsentiert, denn der Publikumsverkehr ist dennoch wichtig. Zum einen, damit sich die Menschen mehr Gedanken über Alkoholkonsum machen, zum anderen um das negativ behaftete Klischeebild von Alkoholikern zu revidieren, das in den Köpfen der Allgemeinheit nach wie vor präsent ist.

Besonders großen Andrang gab es am Stand der Deutschen Diabetes-Hilfe. „Man sieht, dass das Thema Diabetes sehr präsent ist“, erläutert Udo Staats, Bezirksvorsitzender des Bezirksverbandes Niederrhein. Bei einem Blick auf die Zahlen erscheint das aber kaum verwunderlich. Rund 120 000 Diabetiker gibt es am Niederrhein, im Kreis Wesel sowie in Duisburg und Krefeld. Das Fazit ist allerdings überraschend: „In Wesel suchen viele Menschen nach einer Selbsthilfegruppe für Typ 2-Diabetes. Es gibt nur eine für Typ 1-Diabetiker, aber die ist wegen schlechter öffentlicher Anbindung nicht gut erreichbar“, so Staats weiter.

Enorme Erfolge

Überraschend ist das vor allem deshalb, weil nur rund 10 Prozent aller Diabetiker die Krankheit im Typ 1 haben. Typ 2 ist wesentlich verbreiteter. „Jetzt müssen wir jemanden finden der hier eine Typ 2-Gruppe gründen kann“, betont Staats. „Derjenige muss nicht unbedingt selbst betroffen sein, aber muss sich in der Materie auskennen und sich in die Betroffenen hineinversetzen können.“

An einem anderen Stand präsentierte sich die Gruppe „Das Ohr“, die Menschen mit Ängsten und Depressionen seit den Neunziger Jahren Unterstützung offeriert. „Es gab viele Nachfragen und wir sind gut ins Gespräch gekommen“, freut sich Kathleen Groß. „Den Kontakt zu suchen ist der schwierigste Schritt, der am meisten Mut erfordert.“ Doch der Erfolg, den depressive und ängstliche Menschen mit der Selbsthilfegruppe verzeichnen können sei enorm. Sibille Hemmers, ebenfalls Mitglied der Gruppe, gehört zu denen, die es geschafft haben, die Krankheit zu überwinden. „Ich schwöre auf Selbsthilfegruppen“, betont sie nach 20 Jahren Erfahrung. Und auch Kathleen Groß ist der Meinung: „Selbsthilfegruppen sind die beste Therapieergänzung, die es gibt!“