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Schuster mit Leib und Seele

23.01.2015 | 18:10 Uhr
Schuster mit Leib und Seele
Lieblingsschuhe in Reih und Glied. Hier warten einige Modelle auf ihre Abholer.Foto: Markus Weißenfels

Wesel.   Kurt Rose feiert an der Goldstraße das 111. Geschäftsjubiläum. Als Gratulanten kommen Wesels Karnevalisten vorbei

Als Kurt Rose beschloss, sich mit seinem Handwerk selbstständig zu machen, erklärte ihn sein Bekanntenkreis schlicht für verrückt. Der 45-Jährige erinnert sich. Er hatte die Ausbildung zum Schumachermeister absolviert, einige Zeit in einem Schuhreparaturschnellservice gearbeitet, später bei Flachglas ausgeholfen. Die Zeit war reif für eine Veränderung. Als ein Weseler Traditionsbetrieb einen Nachfolger suchte, griff er zu. 15 Jahre ist das her. Heute feiert er das 111. Geschäftsjubiläum. Rose sieht zufrieden aus. Er hat der Wegwerfgesellschaft erfolgreich Paroli geboten. „Irgendwas muss ich richtig machen, schließlich habe ich mich bis jetzt gehalten.“

Das ist natürlich tief gestapelt. Wenn ein Betrieb 111 Jahre existiert und einen Inhaberwechsel unbeschadet übersteht, ist das ein Grund zu feiern. Und das macht Kurt Rose. Im Ladenlokal stapeln sich Getränkekisten, heute um zehn Uhr kommt Besuch. Angesichts der Schnapszahl haben sich Wesels Karnevalisten angekündigt. Rund 20 Mann der Prinzengarde und des Fanfarencorps CCL Wesel rücken mit Pauken und Trompeten an, um zu gratulieren.

„Ich bin Schuhmacher mit Leib und Seele“, sagt Kurt Rose. Und so trifft man ihn im Sommer an den Wochenenden auch im Archäologischen Park Xanten an, wo er Besucher durch die Römische Schumacherwerkstatt führt, für die er zwölf Modelle angefertigt hat.

Maßarbeit bietet er neuerdings auch in Wesel an. Für vergleichsweise kleines Geld können sich Kunden Schuhe nach ihrem Geschmack bestellen - von der holzgenagelten Sohle über die Farbe bis zum Leder. Den größten Raum nimmt jedoch das traditionelle Handwerk ein. Absätze, Sohlen, Reparaturen. Rose legt Wert auf Qualität und Service: „Ich arbeite so, als ob das alles meine Schuhe sind.“ Außerdem gilt: Der Kunde als König hat Recht. Auch wenn er mal nicht Recht hat.

Nur noch vier Betriebe in der City

Entsprechend gut läuft das Geschäft. Auch an diesem Tag bleibt die Ladentür in Schwung. Ein Weseler will „nur Hallo sagen“, eine Frau bringt Stiefel: nachtschwarz, geschätzte 20 Zentimeter Plateausohle. Ein Liebhabermodell. Kurt Rose lächelt sibyllinisch. Er kennt seine Kundschaft. Die meisten kommen schon seit Jahren.

Der Meister weiß um die Probleme der Branche. Er ist Obermeister der Schuhmacher-Innung Essen-Kleve-Wesel, Vorsitzender der Prüfungskommission und erlebt das Schrumpfen einer Zunft. Nach dem Krieg gab es 40 Schumacher in Wesel, mittlerweile sind es in der City noch vier Betriebe. Viele Menschen sparen an Schuhen, sagt Kurt Rose; wenn ein Paar nicht mehr schön ist, werfen sie es weg. Für ihn ist das unverständlich. „Sie denken nicht darüber nach, dass Füße ein Leben lang halten müssen. Schlechtes Schuhwerk schadet da nur.“ Qualität beginne bei etwa hundert Euro.

Jutta Roses Ledernähmaschine rattert zustimmend. Gerade ist das Ehepaar mit Sohlen, Leisten, Polier- und Schleifmaschinen umgezogen. Am 5. Januar konnte es an der Goldstraße neu eröffnen, auch in der Hoffnung, „dass der Straßenname Programm ist.“ Es gibt zwar keinen goldenen Boden, aber schönes Parkett. Außerdem ist hier mehr Platz als im alten Geschäft an der Pergamentstraße.

Und so blickt der Handwerksmeister optimistisch in die Zukunft. Kurt Rose bleibt seinen Leisten treu. Wobei das auch für den Privatmann gilt. Mit 15 Paaren besitzt er mehr Schuhe als seine Frau.

Petra Kuiper

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2015-01-23 18:10
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