Schüler übernehmen Patenschaft

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Wesel..  Der Geschichtskurs von Lehrerin Lea Ruland beschäftigt sich zurzeit mit dem Nationalsozialismus und der Judenvertreibung. Die Zwölftklässler der Gesamtschule am Lauerhaas müssen aber nicht nur abstrakte Texte aus Geschichtsbüchern bearbeiten, sondern haben die seltene Chance, Historisches anhand von Weseler Personen zu erleben.

Lara Hetheyer hat für ihre Facharbeit das Thema „Mädchenerziehung im diktatorischem System des Nationalsozialismus am Beispiel des Bundes Deutscher Mädel (BDM)“ gewählt. Dazu hat die 18- jährige ihre 85-jährige Großmutter Ilse Hetheyer befragt. „Ein Glücksfall, dass es noch Zeitzeugen gibt“, sagt Lehrerin Ruland, die gestern Claus-Dieter Richter-Kraneis eingeladen hatte, der sich schon seit Jahren mit jüdischen Schicksalen in Wesel beschäftigt. Hintergrund ist, dass die Gesamtschule zum dritten Mal die Patenschaft für einen Stolperstein übernommen hat. Der kleine Gedenkstein, der an die jüdische Familie Marchand erinnern soll, wird von den Schülern am Mittwoch, 29. April, vor dem ehemaligen Haus der Marchands in der Heresbachstraße 29 verlegt.

61-Stunden-Fahrt ins Ghetto

Richter-Kraneis hat zwar nicht viel, aber immerhin etwas über die Familie herausgefunden: Vater Salomon Marchand, ein Viehhändler, wurde 1886 in Ringenberg geboren, seine Frau stammt aus der Nähe von Aachen. Eine Tochter kam 1917 ebenfalls in Ringenberg zur Welt. Um 1920 zog die Familie nach Wesel: Erster Wohnsitz war die Schermbecker Landstraße 3/1. Nach weiteren Umzügen war die Familie in der Rheinstraße 6 gemeldet, einem Hinterhaus der damaligen Synagoge.

Am 11. Dezember 1941 wurden die drei – zusammen mit 24 anderen Weselern und mit insgesamt 1007 Juden – per Zug ins Ghetto nach Riga deportiert. „Was aus Familie Marchand geworden ist, weiß man nicht – alle drei gelten offiziell als verschollen. Vielleicht sind sie an Krankheiten verstorben oder wurden erschossen“, berichtet Richter-Kraneis.

Vor allem die 61-stündige Zugfahrt unter erbärmlichsten Bedingungen bewegte die Gesamtschüler. Die hatten dazu bereits einen Erlebnisbericht einer Überlebenden bearbeitet und den Bericht des Transportführers gehört.

Letzte Habseligkeiten geraubt

„Was noch heute sprachlos macht, ist die absolute Rechtlosigkeit. Den Juden wurden sogar die letzten Habseligkeiten geraubt“, ergänzte der Referent, der mahnte: „Wichtig ist, dass man stets hinterfragt, was passiert. Man muss immer wachsam bleiben.“