Schmerz und Leid spürbar
12.02.2010 | 18:13 Uhr 2010-02-12T18:13:00+0100Hamminkeln. Ja, auch dies können und dürfen Kunst und Kultur:
Wer in den letzten Tagen die Local-Heroes-Woche der Stadt Hamminkeln mit ihren fröhlichen und heiteren Programmen besucht hatte, dem präsentierten am Donnerstagabend die Tanzgruppe X-legged Rose, die Theatergruppe GeVis+schnee, die Musikgruppe Inneratem und Christoph von Mulert mit seinen Skulpturen in der evangelischen Kirche in Wertherbruch einen scharfen Kontrast. Mit dem Thema der Leidensgeschichte Jesu Christi und vor allem dem Leiden als ständiger Begleiter des Menschen beschäftigten sich unter dem Titel „Passio” alle Darstellenden auf ihre Weise.
Beim Eintreten in die Kirche, machte sich zunächst noch ein wohliges Gefühl breit: Warmes Licht, murmelndes Geplauder bei Brot und Wein. Doch dieser Eindruck wandelte sich im Laufe des Abends grundlegend. Neben den Zuschauerbänken ragte bedrohlich die Figur eines weißen, kalten Gipsengels hinauf, behängt mit schweren Eisenkugeln und Ketten. Und auch der von Christoph Mulert aus Schwermetall gefertigte, in Fesseln gelegte „Gefangene” schien plötzlich bedrückend präsent zu sein. Die Jugendlichen der Theatergruppe GeVis+schnee des Gymnasiums Voerde lasen mit harten, kalten Stimmen aus dem Roman „Atemschaukel” von Herta Müller Auszüge aus der Geschichte des Jungen Leopold Auberg, der in ein Arbeitslager der Sowjet-Ukraine deportiert wird.
Kälte, Düsternis, zwingende Spannung
Ergänzt durch Passagen der Leidensgeschichte Jesu, breiteten sich Kälte und Düsternis im Kirchenraum aus. Die grell blendenden roten und blauen Leuchtstoffröhren, die im kargen Altarraum eine Art Thron aus Kleidern beleuchteten, erzeugten eine passende Stimmung für die mal weichen, eleganten und mal energischen Bewegungen der Xantener Tanzgruppe X-legged Rose. Eine ständige Spannung war zu spüren, die Kunst ließ den Besuchern keine Möglichkeit, sich mit etwas anderem als dem Thema der „Passio” zu beschäftigen.
Zum Abschluss der Hamminkelner Local-Heroes-Woche zur Kulturhauptstadt 2010 lädt heute ab 19 Uhr die evangelische Kirchengemeinde Ringenberg an der Hauptstraße zu Brot und Wein. Ab 20 Uhr begeben sich der Berliner Franz de Byl, Ulrich Ingenbold und Klaus Wilmanns dann in einen musikalischen Blues-Dialog, der mit „Hauptstadt-Blues” vermutlich eher die Kulturhauptstadt als Hamminkeln meint.
Die instrumentalen Musikbeiträge des Trios Inneratem waren leidenschaftlich, aber vor allem bedacht, tiefgründig. Hohe Akkordeon-Töne, eine „gequälte” Posaune und eine „abgehackte” Gitarre, mal ein stampfendes Klopfen auf dem Korpus, mal ein derart gewaltiges Zupfen, dass die Saiten kurz vor dem Reißen knallten und schnarrten. In diesen Momenten war an kaum anderes zu denken als an Schmerz und Leid. Selten werden das Leiden, die Qualen, die Verzweiflung so eindrücklich dargestellt und vor allem auch für den Besucher fast körperlich spürbar gemacht.
Die fast schmerzliche Stille am Ende des Programms machte die tiefe Ergriffenheit und Anspannung des Publikums deutlich, die sich schließlich in stürmischem Applaus entlud.
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