Querbeet - ein Projekt, das schmeckt

Zwei Teilnehmerinnen des Projekts „Querbeet“ füllen Holunderblütensirup ab, den sie zuvor aus gesammelten Blüten selbst hergestellt haben.
Zwei Teilnehmerinnen des Projekts „Querbeet“ füllen Holunderblütensirup ab, den sie zuvor aus gesammelten Blüten selbst hergestellt haben.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Langzeitarbeitslose lernen in Wesel, was man aus Lebensmitteln macht, die sonst weggeworfen würden. Und sie erlernen neue Fertigkeiten und Teamfähigkeit.

Wesel..  Alles hat seinen Wert. Das wissen mittlerweile die Teilnehmer des Projekts „Querbeet“. Seit Januar beschäftigen sich zehn Frauen und Männer zwischen 25 und 50 Jahren damit, was man alles aus den Lebensmitteln machen kann, die keiner möchte. Gemüse, das nicht der Norm entspricht, Obst, das ein paar Dellen hat, zum Beispiel. Sie sind langzeitarbeitslos und in Kooperation mit dem Jobcenter Wesel im CJD-Berufsförderungszentrum aktiv.

Im Rahmen einer 30-Stunden-Woche wurden die Teilnehmer zunächst dafür sensibilisiert, dass vieles, was achtlos in den Abfall wandert, noch zu gebrauchen ist. Manches kommt gar nicht erst in den Handel. Besonders erschreckend: Statistisch gesehen wirft jeder Bundesbürger Jahr für Jahr zwei volle Einkaufswagen an Lebensmitteln in den Müll, das macht am Ende ungefähr 82 Kilogramm.

Dem soll das Projekt entgegenwirken. Und so freut man sich über Angebote zu ernten, über Lebensmittelgeschenke, und auch in der freien Natur bietet sich so manches, was auf Verwertung wartet. Beispiel Holunderblüten. Die Projektteilnehmer lernten zunächst die Pflanze kennen, später dann die mögliche Verwendung. Franziska Böhmelt, ausgebildete Oekotrophologin, weiß wie’s geht. Aus den Blüten wurde Sirup, der gern mit Sekt als Hugo getrunken wird. Aber auch im Mineralwasser, mit ein paar Blättern Minze und Eiswürfeln, macht er sich gut und erfrischt vor allem im Sommer bestens. Zurzeit wird der Sirup verpackt, um ihn später an Bedürftige abzugeben - mit dem zugehörigen Rezept. Denn das Nachahmen ist hier durchaus erwünscht.

Es ist vor allem das, was die Region gerade hergibt, was die Frauen und Männer verarbeiten. Ende August geht es beispielsweise zur Traubenernte. Aus den angebotenen Muskatellertrauben soll Marmelade und wiederum Sirup entstehen. Kräuter soll es ebenfalls geben. Mit ihnen wird Kräutersalz hergestellt. Und, und, und...

Bei all dem sollen die Langzeitarbeitslosen wieder ein Selbstwertgefühl entwickeln und ihre Fertigkeiten entdecken. „Viele Menschen scheitern am Arbeitsmarkt, weil sie ihre Fähigkeiten nicht kennen“, sagt Dieter Plöger vom Jobcenter. Denn Ziel ist es, dass die Männer und Frauen wieder einen Platz auf dem ersten Arbeitsmarkt finden. Die Arbeit in der Gruppe entwickelt schließlich auch die Teamfähigkeit. Die lange Arbeitslosigkeit isoliert oftmals mehr und mehr. Hier aber entsteht nach und nach ein Zusammengehörigkeitsgefühl und die Überzeugung „Du kannst was“. Geprägt durch solch positive Erfahrungen könnten die Arbeitslosen ganz anders auftreten, weiß Plöger.

Demnächst geht es auf Streuobstwiesen des Naturschutzbundes. Einen Teil der anschließenden Produktion erhalten die Aktiven dort als Gegenwert zurück, den anderen Teil bekommen die Kursteilnehmer, bedürftige Familien und Einzelpersonen. Auch Kursleiterin Franziska Böhmelt macht eifrig mit. Sie holt sich beispielsweise regelmäßig aus den Zuckerkartons eines Discounters das braune Papier, das dann dekorativ um den Kopf der Flaschen mit Holundersirup gewunden wird. Ob sie sich da nicht schäme, habe ein Teilnehmer sie einmal gefragt. Die Antwort war ein kleines Nein. Schließlich würde das Papier ansonsten einfach weggeworfen...