Qualifikation zählt

Nicht nur aufs Abi schielen: Eine abgeschlossene Ausbildung öffnet viele Türen.Archivfoto: Martin Möller
Nicht nur aufs Abi schielen: Eine abgeschlossene Ausbildung öffnet viele Türen.Archivfoto: Martin Möller
Foto: WAZ
Was wir bereits wissen
Fachkräftemangel erweist sich als Chance für ältere Arbeitnehmer und für schwächere Schüler

Kreis Wesel..  Fachkräftemangel - die Entwicklung bringt auch Gewinner hervor. Genau diejenigen, die vor zehn Jahren noch die Verlierer waren. Ältere Arbeitnehmer erfahren derzeit eine Wertschätzung wie lange nicht. Ihr Wissen und ihre Erfahrung zählen, das spiegelt sich auch in den Arbeitsmarktzahlen wider. „Es gab Zeiten, da waren Sie mit 45 fast schon zu alt für eine Vermittlung“, sagt Barbara Ossyra, Leiterin der Agentur für Arbeit in Wesel.

Chancen für Schwache

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Agenturbezirk - er umfasst die Kreise Wesel und Kleve - im Alter zwischen 50 und 65 Jahren ist im vergangenen Jahr um 5,3 Prozent angestiegen. Es tut sich was, langsam, aber stetig. „Ältere Arbeitnehmer werden gehalten“, erläutert Ossyra.

Zu den Gewinnern gehören auch schwächere Jugendliche mit nicht so glänzenden Zeugnissen. Auf der Suche nach Ausbildungsplätzen hatten sie es früher schwer. „Vor allem inhabergeführte mittelständische Unternehmen sind heute offener.“ ‘Schicken Sie mir den mal, aus dem machen wir noch was’, ist eine häufige Haltung - jammern über schlechten Nachwuchs bringt nicht weiter. Fast jeder kann eine Chance bekommen. Für die heranwachsende Schülergeneration bedeutet das so gute Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, wie lange nicht mehr. Gute Absolventen können sich ihren Arbeitgeber selbst aussuchen.

„Heute können die Jugendlichen nach der Ausbildung, auch ohne Abitur, ein Studium beginnen. Das System ist durchlässiger geworden“, erläutert Ossyra. Sie rät davon ab, nur aufs Abitur zu schielen. Jungen Leuten in der Ausbildung stehen viele Möglichkeiten offen, mitunter mit attraktiveren Verdienstmöglichkeiten als Akademiker sie haben.

Im Agenturbezirk ist die Zahl der gemeldeten offenen Stellen mit rund 18 000 um 15,6 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen, 73 Prozent der Stellen sind unbefristet. Dennoch sind die Arbeitslosenzahlen nicht gesunken. Erwerbslose ohne Qualifikation oder mit anderen Hemmnissen bleiben schwer zu vermitteln.

Im Arbeitslosenbestand der Agentur sind deutlich mehr Hilfs- als Fachkräfte, letztere finden schnell Arbeit. Manches Unternehmen kann seine Stelle nicht besetzen – die Lösung liegt häufig in der Ausbildung. Und viele Ungelernte bleiben arbeitslos. „An dieser Stelle versuchen wir, zu qualifizieren, umzuschulen“, erläutert Ossyra. Je länger jemand ohne Arbeit ist, desto schwieriger ist der Weg zurück ins geregelte Berufsleben.