Wesel Monopoly
Preußens Prunk
03.09.2010 | 19:38 Uhr 2010-09-03T19:38:00+0200
Wesel.Neugierigen Blicken ist ein Riegel vorgeschoben: Hier gibt es kein Durchkommen. Metallgitter verhindern, dass Passanten unter dem beinahe 300 Jahre alten Gewölbe des Berliner Tores flanieren - oder dort ihren Müll abladen.
„Pippo“ wird der Mann genannt, der den Schlüssel hat, Giuseppe Ponticello. Im „La Dolce Vita“ serviert der 50-Jährige alles was Flossen oder Panzer hat und auf der Zunge zergeht, - seit 1994, hoch über dem Platz.
Im Grunde ist er zufrieden mit seinem ungewöhnlichen Restaurant hinter den dicken Mauern des letzten erhaltenen Weseler Stadttores. Das Ge-bäude hat Ambiente und Charme. Wäre da nicht die Sache mit den Blumenkübeln: Des Wirtes Dekorationen verschwanden Nacht für Nacht. Inzwischen hat er es aufgegeben, für Nachschub zu sorgen. „Und jeden Morgen dieser Dreck“, schimpft er.
Seit das „Paulaner“ ge-schlossen habe, sei der Berliner-Tor-Platz nicht mehr der gleiche. Abends ist nichts los. Und auch tagsüber geschieht wenig. Nur manchmal, wenn, wie jetzt, die Schützen kommen, oder im Winter Kinder hier auf der Eisbahn Schlittschuh laufen. Dann ist es gleich gemütlicher auf dem Platz.
Geht alles gut, können Neugierige demnächst unter dem - gereinigten - Gewölbe des Tores Cappucino schlürfen. Eine Baugenehmigung für seine Café-Pläne hat Pippo schon, und auch die Feuerwehr hat ihr Okay gegeben. Derzeit verhandelt er mit der Stadt. Lediglich Pächter, möchte der Gastronom nicht für Umbaukosten, für Kanal- und Wasseranschluss aufkommen.
Göttlich Rundungen
Während die Menschen unten reden oder schlemmen, haben die Tauben ihr exklusives Himmelbett bezogen. Respektlos kuschelt sich das Federvieh an die üppigen Rundungen der zwei Göttinnen, die Preußens Gloria im Allgemeinen und die Friedrich Wilhelm I. im Besonderen hinausposaunen. Das Berliner Tor ist das bedeutendste Denkmal der brandenburgisch-preußischen Geschichte am Niederrhein. Den Vögeln ist das einerlei. Sie kötteln ungeniert auf den Denkmalschutz des 1718 bis 1722 von Baumeister Jean de Bodt in preußisch-prächtigem Stil errichteten Bollwerks.
Unten auf dem Platz gönnen Passanten sich ein paar Minuten Ausstieg aus dem Alltag. Die Bänke unter den Bäumen sind bequemer als sie aussehen, und sie sind zahlreich. Anders als früher, als das Tor noch auf einer verkehrsumflossenen Insel stand, fährt hier lediglich mal ein Radler vorbei. Nebenan bei der Post geht es lebhafter zu, es herrscht ein stetiges Kommen und Gehen. Der schlichte Nachkriegs-Nutzbau in attraktiver Lage ist anderen möglichen Nutzern aufgefallen. Bürgermeisterin Ulrike Westkamp dagegen zeigt sich froh, dass die Post so zentral liegt. „Es leben mehr als 14 000 Menschen in der Innenstadt“, sagt sie. Die benötigen eine erreichbare Post.
Neben der Postbank gibt es wenige Meter voneinander entfernt Filialen von Sparkasse, Deutscher Bank, Volksbank und Sparda an der Wilhelmstraße - ein kleines Finanzviertel im Schatten des Tores.
Das Postgebäude hat preußische Verwaltungsbauten ersetzt, am Kopf des Platzes stand ehedem die Berliner Tor Kaserne, im Krieg völlig zerstört. Den Eingang zur City flankieren heute heute die Kaufhäuser Mensing und C&A - eine Bronzetafel des Weseler Verkehrsvereins erinnert an der Mensing-Fassade an die Kaserne.
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