„Niemand hatte damit gerechnet“

Alte Fotos von Günter Bornemann.
Alte Fotos von Günter Bornemann.
Foto: FUNKE Foto Services
Günter Bornemann erinnert sich mit Schrecken an die Bombardierung seiner Heimatstadt Wesel. Seit er älter werde, denke er wieder öfter an den Krieg, sagt er

Wesel..  Den Blick aus dem Fenster wird Günter Bornemann nie vergessen. Es war der 16. Februar 1945. Am Nachmittag hatte die Royal Air Force Wesel bombardiert. Günter und seine Mutter saßen stundenlang im Luftschutzkeller fest. Am frühen Abend wagten sie sich heraus. Es dämmerte, als sie aus dem Fenster sahen. Fassungslos schauten sie auf eine kaputte Welt. Überall brauner Rauch und Feuer. Und kein Stein stand mehr auf dem anderen. Damals war Günter Bornemann acht Jahre alt. Heute ist er 78. Das Bild der zerstörten Stadt hat sich für immer in sein Gedächtnis gegraben. „Der Krieg war furchtbar“, sagt er. „Wie konnte so etwas passieren?“

Günter Bornemann hat zwei Bücher hervorgeholt. „Heimatfront Wesel“ bündelt Kriegserinnerungen. „Der Untergang der Stadt Wesel“ zeigt Fotografien des zerstörten Wesel: die Straßen, ein Trümmerfeld. Willibrordi-Dom, Großer Markt – eine Steinwüste. Vor dem Skelett des Gasometers versuchen Menschen, ihr Hab und Gut mit dem Handkarren zu retten.

Abenteuerliche Zeit

1945 war das. Am 16., 18. und 19. Februar erlebte Wesel die schlimmsten Luftangriffe seiner Geschichte. „600 Menschen sind gestorben, 150 Soldaten“, rekapituliert er. 70 Jahre ist das jetzt her. Seit er älter werde, denke er öfter an den Krieg, überlegt er. Der gebürtige Lackhausener ist das, was man ein Kriegskind nennt. Im Juni 1942 fiel sein Vater. Der Junge wuchs mit der Mutter allein im Haus am Hummelweg auf.

Bornemann lächelt flüchtig. Es war eine abenteuerliche Zeit. Bis zu sieben Menschen lebten damals unter ihrem Dach: die Untermieterin mit ihren Söhnen Karlheinz und Manfred, später kamen weitere Verwandte und Bekannte dazu. Sie alle hatten ihre Wohnungen verloren. Der Luftschutzkeller der Bornemanns bot genug Platz. Hier stand ein großes Bett, in das man sich verkriechen konnte. Auch das schuf der Krieg: Notgemeinschaften, die zusammenrückten.

Bornemann spricht leise. Erste Bomben fielen schon vor jenem 16. Februar, erzählt er. Ein paar Tage zuvor wurde seine Schule bombardiert. Durch die Druckwelle platzten die Fenster des Elternhauses, Dachpfannen krachten zu Boden. Bornemann weiß noch, dass eine Frau schrie: „Das haben wir alles Adolf Hitler zu verdanken!“

An drei Tagen flog die Royal Air Force ihre Luftangriffe. „Wir waren verschüchtert und verstört. Niemand hatte damit gerechnet.“ Die Bornemanns hatten Glück im Unglück. Ihr Haus blieb weitgehend unversehrt, ein Bäcker in der Nähe verkaufte Lebensmittel. Ende Februar quartierten sich deutsche Soldaten im Haus ein. Dann kam der 23. März, der Tag, an dem die Lastensegler landeten. Gerade hatte der deutsche Oberleutnant seinen Burschen in die Wohnstube geschickt, um ein Ei für ihn zu kochen. Doch daraus wurde nichts. Bornemann erinnert sich an Flugzeuggeräusche. Er und seine Mutter verließen das Haus, der kleine Günter hielt die Schuhe über seinen Kopf. „Ich ergebe mich“ sollte das heißen.

Draußen standen sie im Halbkreis, US-Soldaten, Gewehre im Anschlag. Sie suchten die Deutschen, die sich im Haus aufhielten. Die Menschen wurden auf dem alten Sportplatz zusammengetrieben, die Soldaten durchkämmten die Gegend. 14 Tage quartierten sie sich bei den Bornemanns ein. „Einige waren nett und haben uns Schokolade geschenkt.“

Dann kam das Kriegsende, die Zeit des Wiederaufbaus. Und Günter Bornemann mittendrin. Er absolvierte eine Lehre als Installateur, mit der Firma zog er unter anderem die Niederrheinhalle neu in die Höhe. 1956 war er dabei, als der Grundstein gelegt wurde.