Nesteldecken helfen Menschen, sich zu erinnern

Mit unterschieldichen Motiven und Materialien bestückt ist diese Fühldecke.
Mit unterschieldichen Motiven und Materialien bestückt ist diese Fühldecke.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
Elisabeth Reiter näht zu verschiedenen Themen – ihre Arbeiten kommen im Seniorenheim zum Einsatz

Wesel..  Schon immer interessierte sich Elisabeth Reiter für kreative Näharbeiten. So nähte sie früher Kleidung, Spielzeug und Dekorationen für zu Hause und bot ihre Arbeiten bei Trödel- und Weihnachtsmärkten an. Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Mein kleines Hobby“ stellt sie jetzt in der Stadtbücherei Näharbeiten vor, die nicht nur schön sind: Sie helfen auch Menschen.

Seit zwei Jahren ist Reiter auch im Reparatur-Café des Mehrgenerationenhauses tätig. Dort hilft sie, Kleidungsstücke wieder in Ordnung zu bringen. Es entstand die Idee zu „Stoff-Fantasien“, einem Projekt, bei dem jeder mitmachen kann, um aus alten und gebrauchten Stoffen Taschen, Spielzeug und andere Dinge zu nähen.

In der Ausstellung „Mein kleines Hobby“ stellt sie nun Nesteldecken, die sie lieber Fühldecken nennt, aus. Die Idee dazu entstand beim Besuch einer psychiatrischen Klinik in Wattenscheid. Dort nähten Patientinnen die Decken für das nebenan liegende Seniorenheim. Sie fördern durch das Fühlen des Stoffes die Motorik von an Demenz Erkrankten, auch sollen sie eine beruhigende Wirkung haben. Reiter fotografierte eine der Decken und begann nach dieser Vorlage selbst ihre erste Fühldecke anzufertigen, in die sie Reißverschlüsse, Schnallen und Taschen mit einnähte.

Kunstfell und Gardinenstoff

Inzwischen ist sie dazu übergegangen, jede der Decken nach einem bestimmten Thema zu gestalten: In der Ausstellung sind etwa Decken zur Kirmes, zum Kaffeetrinken, Garten, Wald, Nähen oder zu Werkzeugen zu sehen. Die Themen rufen bei den Menschen persönliche Erinnerungen hervor, erklärt Reiter. Auf der Kirmes-Decke sind zum Beispiel Luftballons, ein Zelt und Zuckerwatte zu sehen. Die Decke zum „Nähen“ sei besonders für die Frauen gedacht, die früher selbst genäht haben, es heute aber nicht mehr können. Reiter verwendet verschiedenste Materialien: die Zuckerwatte besteht aus einem flauschigen Kunstfellbesatz, die Likörgläser auf der Kaffeetrinken-Decke aus Gardinenstoff. Sie näht Knöpfe und Pailletten, fertigt kleine Öffnungen an, die, wie etwa bei der Werkzeug-Decke, mit Muttern oder Unterlegscheiben befüllt sind.

Für eine Decke brauche sie etwa eine Woche. Ihre Ideen bekomme sie im Alltag sehr spontan, sagt Reiter. Die nächste Decke plant sie zum Thema Eisenbahnen zu gestalten.

Einladung zum Mitnähen

Über ihre Arbeit sagt sie: „Ich male mit der Nähmaschine“. Die kleinen Motive, die sie auf ihre bunten Decken näht, sind aus alten Stoffresten gemacht. Beim Stöbern in Stoffläden kommen ihr weitere Ideen. Ihre Näharbeiten entstehen im heimischen Keller, wo sie die Stoffe und Materialien lagert. Die Seniorenheime, an die die Decken gespendet werden, möchte sie vielleicht einmal besuchen, um zu erfahren, wie die Nesteldecken bei den Menschen ankommen.

Durch die Ausstellung hofft sie, auch andere Frauen für das Projekt „Stoff-Fantasien“ im Mehrgenerationenhaus zu gewinnen. Dort könne jeder auch ohne besondere näherische Fertigkeiten mitwirken. So müsse natürlich nicht jeder eine ganze Fühldecke nähen, sondern könne auch nur einen Teil davon anfertigen.