Missbrauch: Platzt Prozess gegen Lehrer?
16.01.2008 | 19:50 Uhr 2008-01-16T19:50:38+0100GERICHT. Nach der Neuaufnahme könnte nun schon wieder Schluss sein.
WESEL/DUISBURG. Wird die Sache zu einer unendlichen Geschichte? Im Herbst war der Weseler Kommunalpolitiker und Lehrer Klaus M. (alle Namen geändert) wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs seiner Stieftochter Tanja zu anderthalb Jahren Freiheitsstrafe mit Bewährung verurteilt worden. Nun könnte der gestern begonnene neuerliche Prozess im Revisionsverfahren platzen.
Vorwurf: Unlauter und ungesetzlich
Von Beginn an spielte die Rolle der Gutachter eine besondere Rolle. Von ihnen hängt mit entscheidend ab, wie glaubwürdig Tanja ist. Die Verteidigung hatte nach einem Experten verlangt, das Schöffengericht in Wesel im Einvernehmen mit ihr den Dortmunder Psychologie-Professor Burkhard Schade bestellt. Später forderte der Verteidiger Prof. Günter Köhnken als weiteren Gutachter. Nach einiger Verzögerung kam es in der ersten Instanz zum Urteil. Gestern nun beantragte die Verteidigung, Schade wegen Befangenheit abzulehnen. Wie der und sein Dortmunder Institut vorgingen, sei unlauter und ungesetzlich. Zudem fasse der Professor Kritik persönlich auf und zeige sich uneinsichtig.
Ohne Begründung habe Schade Teile seines Auftrags einer Kollegin seines Instituts übergeben und dadurch für eine Zusatzeinnahme gesorgt. Der Angeklagte sei dazu nicht gefragt worden. Auch habe Schade einen Mallorca-Flug zwecks Untersuchung Tanjas als Untersuchungszeit angerechnet. Sollte sein Mandant in dem Prozess verlieren, so Verteidiger Rüdiger Deckers, erhöhe dies alles die dann von ihm zu tragenden Kosten.
Über diesen Antrag hat die 6. kleine Strafkammer noch nicht entschieden. Es kann aber sein, dass Schade aus gesundheitlichen Gründen ohnehin ausfällt. Das entscheidet sich vermutlich just am 1. Februar, wenn der Prozess in Duisburg fortgesetzt werden soll.
"Den Kampf der Mutter weitergeführt"
Gestern ließ die vorsitzende Richterin Gebhard Klaus M. ausführlich zu Wort kommen. Dabei bestritt der 58-Jährige erneut alle Vorwürfe. Er stellte dar, dass Tanja, nachdem er sich von deren Mutter getrennt hatte, auf allerlei habe verzichten müssen. Er betonte die enge Bindung Tanjas zu ihrer Mutter. Er wisse, dass sie den teils drastischen Schriftwechsel über die Streitigkeiten zwischen ihm und ihrer Mutter über deren nachehelichen Unterhalt verfolgt und ein Praktikum bei der Anwältin ihrer Mutter absolviert habe. Das alles zu der Zeit, als Tanja gegenüber ihrer Freundin erstmals von sexuellem Missbrauch gesprochen hatte. Warum M. dies alles betonte, war angesichts des in den Akten dokumentierten Schlagabtausches klar: "Ich denke, dass Tanja den Kampf, den ihre Mutter geführt hat, weitergeführt hat".ZUWENDUNG Öffentliche Aufmerksamkeit erlangt der Prozess durch die von ihm selbst betonte besondere Position M.'s als Politiker wie als Lehrer. Bis zu seiner Suspendierung hat er auch Schüler beraten. Um Beistand zu zeigen, habe er sie wohl auch in den Arm genommen. Eine Schülerin hat sein Auto mal mit Herzchen beklebt. "Vielleicht führen Gespräche und Zuwendung dazu, dass solche Gefühle in einer jungen Frau geweckt werden", so M.
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