Können Lehrer fliegen

Udo Stratmannund seine sprachlich bunt gemischte Deutsch-Gruppe
Udo Stratmannund seine sprachlich bunt gemischte Deutsch-Gruppe
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Wer die richtige Antwort weiß, der ist auf dem besten Weg, die deutsche Sprache zu lernen. Ein Besuch im Unterricht für Flüchtlingskinder an der GGS Innenstadt

Wesel..  Manche Schultaschen sind schwerer als andere. Weil die Kinder nicht nur Bücher, Hefte und Stifte auf dem kleinen Rücken tragen, sondern auch ihr ganz persönliches Seelenpäckchen zu schultern haben. „Wir haben hier so einige Kinder, die wirklich traumatisiert sind“, beschreibt Schulleiterin Astrid Wahl-Weber die Lage an Wesels größter Grundschule, der GGS Innenstadt. Denn hier gibt es neben den üblichen Lerngruppen eine „Auffangklasse“ für Flüchtlingskinder. Und die ist von anfangs 14 Kindern nun auf 23 angewachsen.

Das sind zu viele. „16 bis 20 Kinder sind für eine solche Gruppe eigentlich vorgesehen“, bestätigt Hans-Joachim Zache vom Schulamt der Stadt. Insgesamt 55 schulpflichtige Kinder zählt der Kreis aktuell für Wesel. Nicht nur an der Grundschule wird es eng. Auch für die älteren Flüchtlingskinder, die bisher nur an der Martini-Hauptschule betreut wurden, musste eine Lösung gefunden werden. „Wir haben neun Kinder auf der Warteliste“, sagt Zache.

Zwei neue Auffangklassen

Spätestens Mitte Februar können diese Mädchen und Jungen ihren Unterricht an der Realschule-Mitte beginnen, die dann ebenfalls Flüchtlingskinder aufnehmen wird. „Wir sind noch auf der Suche nach einem qualifizierten Lehrer“, so Zache. Eine zweite Grundschule sei auch im Gespräch, aber noch nicht ganz spruchreif.

Das ist auch dringend notwendig, denn Schulleiterin Astrid Wahl-Weber hat allein in der vergangenen Woche wieder sechs neue Familien mit ihren Kindern in der Grundschule begrüßt. „Gerade war noch eine syrische Familie hier“, sagt sie. Nach dem Check beim Gesundheitsamt werden auch all diese Kinder die Schule besuchen.

Für 20 Stunden pro Woche hat die Innenstadtschule zurzeit eine zusätzliche Fachkraft. Aber die kann längst nicht all die Schwierigkeiten auffangen, die eine Betreuung von Kindern mit sich bringt, die kein Deutsch sprechen und zum Teil so schlimme Erlebnisse in Kriegs- und Krisengebieten hatten, dass sie psychische Probleme haben. „Manche haben am Anfang geschrien wie am Spieß, als sie sich von der Mutter verabschieden sollten“, sagt Astrid Wahl-Weber.

Und: „Die Sprache ist natürlich eine große Herausforderung.“ Einige Kinder sprechen zumindest Englisch. Zum Beispiel, wenn sie aus Nigeria kommen. „Aber mit vielen können wir uns anfangs nur mit Händen und Füßen verständigen.“ Deutsch lernen steht natürlich im Mittelpunkt. Dennoch sollen die Flüchtlingskinder in den normalen Unterricht integriert werden, hier Freunde finden können. Deshalb hatte sich die Innenstadtschule bisher dafür entschieden, dass die Kinder einige Stunden pro Tag eine Sondersprachförderung in Kleingruppen bekommen und ansonsten in den Schulklassen gemeinsam mit den anderen unterrichtet werden.

Wer die Gelegenheit hat, sich den Sprachunterricht von Lehrer Udo Stratmann anzuschauen, der spürt sofort, wie wissbegierig die Kinder sind. Aus Bosnien, Russland, Syrien, Mazedonien und Argentinien kommen die Grundschüler, die der deutschen Sprache mit sprechenden Stiften und bunten Bildern näher rücken.

„Herr Stratmann, Herr Stratmann, ist das so richtig?“ Emoh, der achtjährige Junge mit den tiefbraunen Augen, der aus Mazedonien nach Wesel gekommen ist, hat schon enorme Fortschritte gemacht. „Über die Einzelwörter sind wir längst hinaus“, sagt der Lehrer. Emoh beschäftigt sich an diesem Vormittag mit Sätzen wie „Der Stier hat Hörner“ oder „Können Lehrer fliegen?“. Alan, der zwei Jahre älter ist, hat sein Arbeitsblatt schon fertig. Er darf in die Spielecke, baut sich aus Lego ein Maschinengewehr und spielt mit einem Jungen Krieg. Peng - der andere lässt sich auf den Bauteppich fallen. Auch das gehört dazu. Die Kinder verarbeiten das Erlebte auf ihre Art.

Neues Konzept im zweiten Halbjahr

Nach dem Sprachunterricht geht es zurück in die Klassen des ersten bis vierten Schuljahres. Je größer die Zahl der Kinder wird, umso schwieriger ist dieser ständige Wechsel allerdings. „Das bringt unheimlich viel Unruhe“, sagt Astrid Wahl-Weber, weshalb das Konzept für die Flüchtlingskinder im nächsten Halbjahr doch wieder verändert werden muss.

Dennoch und trotz aller Schwierigkeiten: „Es ist so ein schönes Gefühl, wenn Sie erleben, wie dankbar die Kinder sind“, sagt die Schulleiterin. „Sie kommen wirklich sehr gerne in unsere Schule.“