Kleingarten – ein grüner Sechser im Lotto

Eva Marschall
Eva Marschall
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Eine Parzelle im Kleingartenverein Römerwardt ist beliebt, auf ein Stück Land kommen mehrere Bewerber. Doch im idyllischen Grün an der Rheinpromenade liegen Freud und Leid oft nah beieinander.

Wesel..  Kaum berühren die ersten Sonnenstrahlen den klammen Boden, herrscht emsiger Betrieb im Kleingartenverein Römerwardt an der Rheinpromenade. Kein Wunder, denn das erste Gemüse ist erntefertig. Die vielen gelben Narzissen, die bunten Astern, die unterschiedlichen Stauden und Rosen brauchen ihr Wasser, der noch karge Boden seine Pflege. Die warme Frühlingssonne genießen? I wo, „so ein Garten ist schon Knochenarbeit“, mahnt Vereinsvorsitzende Eva Marschall. Während die Nachbarn sich an einem neuen Hochbeet versuchen, haben Marschalls Großes vor. Eine neue Laube muss her. Zu tun ist eben immer was.

Das weiß auch Anton Karmann, seit 1983 betreibt er mit seiner Frau Ilse eine genau 401 Quadratmeter große Parzelle direkt zu Beginn der Anlage. 30 Prozent Freizeit und Wohnen, 30 Prozent Wiese und Blumen, 30 Prozent Gemüse und zehn Prozent Wege – so wie es die Satzungen des Landesverbands vorschreiben. Viel haben sie erlebt, ein Fotoalbum hält alles fest: Die Anfänge, als alte Bäume neuen Obstbäumen weichen mussten, aber auch die Zerstörungswut eines Orkans 1990. Die Holzwand hatte es erwischt, „aber jetzt steht sie festverankert im Boden“, sagt Karmann stolz.

Selbst mit seinen 77 Jahren kreucht der Rentner am Boden und pflügt die Erde, gezeichnet von schwerer Krankheit. Heute ist ein guter Tag, die Luft in den Lungen reicht zum Arbeiten. „Das Gärtnern tut meiner Gesundheit gut. Und bringt anderen Freude“, sagte er schon vor 20 Jahren und meint es noch genauso. Doch schon bald ist Schluss, das Ehepaar hat sich dazu entschieden, ihren Garten im Herbst abzugeben. „Es geht nicht mehr“, sagt Karmann. „Man darf nicht daran denken, wir genießen den Sommer“, ergänzt Ehefrau Ilse wehmütig.

Lustige Trüppchen auf Wanderschaft

Hier habe man schließlich Freunde gefunden. „Ich weiß noch, einmal haben wir meinem Mann einen Streich gespielt.“ Immer wieder sei er um den frisch gesetzten Birnenbaum gelaufen, auf der Suche nach Anhaltspunkten für die ersten Früchte. „Da hat eine Nachbarin mit Bindfaden eine Birne dran gehangen. Er hat sich so gefreut, dass endlich Früchte zu sehen waren. Wir mussten so lachen“ – Ehemann Anton nimmt’s gelassen. Sie seien eben ein lustiges Trüppchen gewesen. „Wir haben viel gefeiert, jedes Jahr Erntedank. Wir haben Radtouren unternommen. Das war schon eine schöne Gemeinschaft.“

Eine Gemeinschaft, ja, das seien sie hier irgendwie immer noch, sagt Vorsitzende Eva Marschall. „Aber es ist eingeschlafen“, Erntedank wird schon lange nicht mehr gefeiert, aus der Gesellschaft wurden schnell einzelne Grüppchen. Das solle sich jedoch bestmöglich ändern. „Wir wollen nicht nur Traditionen, sondern auch die Gemeinschaft wieder aufleben lassen.“ Schön wäre frischer Wind, junge Leute mit Kindern, sinniert die 55-Jährige. Doch das ist nicht so einfach, denn „eine Parzelle zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto“, sagt Marschall. Der Altersdurchschnitt ist zwar hoch, dennoch vererben Besitzer ihre Parzelle gerne weiter. „Und wer einmal einen Garten hat, gibt ihn so schnell nicht mehr her“, weiß Marschall. Kleingartenvereine sterben aus? Eva Marschall will davon nichts hören, die Bewerbungen sprechen eine andere Sprache. Auf die freiwerdende Parzelle der Karmanns zum Beispiel kommen schon jetzt acht Bewerber.

Ehepaar Maas hatte Glück, gut drei Jahre haben sie auf einen Garten gewartet, bevor sie endlich die Zusage für ein verwahrlostes Stück Land am Rand des Vereins bekamen. „Das Unkraut war knapp einen Meter hoch, wir haben 32 Säcke hier raus geschleppt“, erzählt Hannelore Maas. Schlimm war das nicht, die Freude über den eigenen Garten war zu groß. Seit September 2014 sind sie dort, schon jetzt präsentiert die 59-Jährige stolz die ersten grünen Keime ihrer Kartoffeln und Zwiebeln. Auch Lauch, Blumenkohl und Kohlrabi gedeihen gut. Im Gewächshaus nebenan konnte die Frührentnerin bereits die ersten Gurken ernten.