Kirche ganz alltäglich

Okko Herlyn kam am Freitagabend ins Lutherhaus.
Okko Herlyn kam am Freitagabend ins Lutherhaus.
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Was wir bereits wissen
Mit Humor aus dem Nähkästchen: Kabarettist Okko Herlyn gastierte im Lutherhaus.

Wesel..  „Vielleicht muss nach diesem Abend nicht nur die Geschichte der Weseler Reformation neu geschrieben werden“, hieß es im Programmheft der evangelischen Kirchengemeinde Wesel, die sich und rund 120 Zuschauern im Lutherhaus zum 475-jährigen Jubiläum den Kabarettisten Prof. Dr. Okko Herlyn gönnte. Soweit dürfte es nicht kommen, wenngleich der Blick auf ihre Kirche aus der Sicht eines exzellenten Satirikers wie Herlyn künftig ein deutlich humorvollerer sein dürfte.

Modern und tolerant gibt sich die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert und bietet damit ungewohnte Chancen - selbst dann noch, wenn man sich von ihr entfernt. „Da fährt die Bischöfin einer norddeutschen Landeskirche besoffen bei Rot über die Ampel, und schon ist sie Gastprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum“, so Herlyn, ehemaliger Pfarrer aus Duisburg-Wanheim. Der tägliche Alltag in einer Kirchengemeinde erinnert ihn ein wenig an die übliche Vereinsmeierei in einem niederrheinischen Dorf.

Wenn der Kabarettist aus dem Nähkästchen plaudert, nicken die Gäste während des Lachens zustimmend. So zum Beispiel, als er vom Tanzkaffee des Seniorenkreises berichtet, bei dem es den betagten Teilnehmern einzig darum geht, sich mit ihren Wehwehchen zu übertrumpfen. „Es gibt nichts Rührseligeres als das eigene Elend. Hauptsache kränker.“ Den Vogel abgeschossen habe dabei eine frühere Patientin aus dem Marien-Hospital. „Der Professor hat nach der OP zu mir gesagt: Dass Sie noch am Leben sind, dürfen sie aber auch keinem erzählen“, berichtet Okko Herlyn.

Realsatire als Grundlage seiner Sketche bieten auch die örtlichen Kirchenchöre, in die man nicht etwa aus Liebe zum Gesang eintritt, sondern wegen des tollen Gemeinschaftsgefühls. In der Rolle als Chorleiter kommt Herlyn über das Einsingen einfach nicht hinaus.Immer wieder unterbricht er sich, um Urlaubsgrüße und Gratulationen vorzutragen, Kuchenangebote für das Sommerfest einzusammeln oder andere organisatorische Dinge zu klären. Auf diese Weise darf das Publikum nach jeder Pointe den Einsing-Vers „Martha möchte morgens manchmal Marmorkuchen machen“ mitsingen.

Dass die Weseler derartigen Humor für völlig normal halten, beruht nach Ansicht des Theologen auf ein 475 Jahre altes Missverständnis: „Die Menschen sollten Freude an ihrem Glauben haben. Kirche als Bespaßung der Gesellschaft - so hat man das damals in Wesel verstanden.“