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Literatur

Kästner, Mehring und Tucholsky

06.03.2016 | 18:05 Uhr
Kästner, Mehring und Tucholsky
Trommeln gegen die Bücherverbrennung: Günter Gall & Konstantin Vassiliev im Otto-Pankok-Museum.Foto: Heinz Kunkel

Hünxe.   Mit Liedern, Lyrik und Prosa erinnerten Günter Gall und Konstantin Vassilev an die Bücherverbrennung

Militärisch wirkende Trommelschläge und leise, traurige Gitarrenmelodien, dazu Texte deutscher Schriftsteller, einst verboten und verbrannt, hier gesungen, rezitiert und vorgelesen – von diesen Elementen lebte die musikalisch-literarische Collage, die die Künstler Günter Gall und Konstantin Vassilev am vergangenen Samstagnachmittag im Otto-Pankok-Museum präsentierten. Unter dem Titel „Die verbrannten Dichter – Porträts in Liedern, Lyrik, Prosa“ war das Programm Teil der Veranstaltungsreihe Pankok-Forum.

Mit wenigen, aber wirksamen Mitteln schuf Gall gleich zu Beginn des Programms die bedrückende Atmosphäre der Bücherverbrennungen im Jahr 1933: Zu Trommelschlägen betrat er die imaginäre Bühne im Otto-Pankok-Museum und rezitierte die „Feuersprüche“, mit denen die Texte der verbrannten Dichter damals im Feuer landeten. Doch schon kurz darauf schwenkte er um, indem er ein ironisches Marschierlied dagegen hielt. Der Text stammte von Erich Kästner, es war sein Gedicht „Ganz rechts zu singen“ aus dem Jahr 1930, in dem er das dritte Reich und die nationalsozialistische Anhängerschaft deutscher Soldaten karikierte, verhöhnte und ironisch kommentierte. So heißt es darin etwa: „Wir brauchen kein Brot und nur eins ist Not: die nationale Ehre“ oder auch: „Die Köpfe haben ja doch keinen Zweck, damit kann der Deutsche nicht schießen“.

Kästner war nur einer der 24 Schriftsteller, deren Bücher am 10. Mai 1933 als Tiefpunkt der Aktion „wider den undeutschen Geist“ verbrannt wurden. Allerdings war er der einzige, der es mit ansehen musste und deshalb einen Erlebnisbericht darüber verfassen konnte, der in Galls und Vassilevs Programm ebenfalls vorgetragen wurde. Andere waren Walter Mehring, Kurt Tucholsky oder Erich Maria Remarque, die mit Gedichten, wie „Bester Jahrgang deutscher Reben“ (Mehring) oder „Rosen auf den Weg gestreut“ (Tucholsky) vertreten waren.

Gelesen, rezitiert oder gesungen

Doch auch Tagebucheinträge der betroffenen Autoren flossen in das Programm ein, womit Gall und Vassilev belegten, dass der Widerstandsgeist auch nach den Verbrennungen nicht gebrochen war. So kommentierte etwa Klaus Mann in seinem Tagebuch ironisch: „Die Barbarei bis ins Infantile ehrt mich aber“ und der Schriftsteller Oskar Maria Graf forderte gar in einem, in einigen Zeitungen abgedruckten Brief, dass seine Bücher verbrannt werden sollten, um nicht als Vertreter der neuen, ihm verhassten Kunstideologie, wahrgenommen zu werden.

Neben den Texten der Schriftsteller, die Günter Gall abwechselnd vorlas, rezitierte oder auch mit klarer, fester Stimme sang, trug die akustische Untermalung seines Künstlerkollegen Konstantin Vassilev maßgeblich zur Atmosphäre bei. Auf seiner Gitarre spielte er nicht nur die Übergänge zwischen den Textpassagen – darunter unter anderem Musik aus dem Film „Schindlers Liste“ – sondern auch Elegien von Hanns Eisler, die dieser zusammen mit Berthold Brecht komponiert hatte, sowie eigene Stücke, beispielsweise die Bearbeitung eines sefardischen Liedes. Sie alle hatten gemein, sehr ruhig und nachdenklich, zuweilen traurig zu klingen, was angesichts des Themas durchaus passend war.

Abschließend belohnte das Publikum beide Künstler mit lang anhaltendem Applaus. Als Zugabe boten Gall und Vassilev noch zwei jiddische Lieder.

Melanie Koppel

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Kästner, Mehring und Tucholsky
Kästner, Mehring und Tucholsky
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2016-03-06 18:05
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