Jörg Baesecke und das Bronzekind

Wesel..  Meine Güte, schaut das aus! Jahrelang war Jörg Baesecke nicht in Wesel. Als er seinem kindlichen Ebenbild dann endlich gegenüber steht, streiten in ihm widersprüchliche Gefühle. Freude, weil er die Skulptur, die die Weseler Malerin und Bildhauerin Eva Brinkman (1896-1977) von ihm als Fünfjährigem schuf, endlich einmal wiedersieht – Entsetzen, weil sie so schmutzig ist. Wie viele andere Kunstwerke im öffentlichen Raum führt auch das Bronzekind auf dem Hof des Evangelischen Krankenhauses ein Schattendasein. Eine Spurensuche.

Rückblende, um 1960. Damals wohnte der gebürtige Weseler Jörg Baesecke noch „Am Halben Mond“, die Künstlerin Eva Brinkman war seine Nachbarin. Als sie ein Kind als Modell für eine Skulptur suchte, fiel ihre Wahl auf den kleinen Jörg. Er posierte in einer Jogginghose und erinnert sich noch daran, wie die Bildhauerin Zeichnungen von ihm anfertigte, in einer höchst ungemütlichen Haltung. Jörg stand vorgebeugt, die Hände auf die Knie gestützt – eine Beobachterpose. Schließlich war die Skulptur ursprünglich für den Standort an einem Wasserbecken gedacht. Hier sollte das Kind auf die Fische herabschauen.

Szenenwechsel, 2015. Wir befinden uns im Hof des Evangelischen Krankenhauses, wo das Standbild immer noch zu sehen ist. „Das ist der Schutzheilige des Evangelischen Krankenhauses, St. Ischias“, soll Wesels Ex-Bürgermeister Kurt Kräcker damals gewitzelt haben. Heute ist kein Wasserbecken mehr da, das Bronzekind blickt auf eine Grünfläche. „Als ob es nach Mäusen sucht“, scherzt Baesecke. Direkte Nachbarin ist eine kunterbunte Kuh. Seite an Seite stehen die beiden Werke da und wollen nicht recht miteinander harmonieren.

Außerdem ist die Jörg-Skulptur verschmutzt. Überall Taubendreck. Baesecke erweist sich als Mann der Tat. Er geht zur Rezeption und holt Lappen und Reiniger. Wenig später sieht das Werk Eva Brinkmans schon viel besser aus. Eine wunderschön schlichte, elegante Arbeit. „Schade, dass sich niemand darum kümmert“, bedauert Baesecke.

Er ist aus München nach Wesel gekommen, um sein Stück „Papier.Krieg“ im Bühnenhaus aufzuführen. Baesecke ist Schauspieler und geht mit „Der kleinsten Bühne der Welt“ auf Tour. Auch dem Halben Mond hat er einen Besuch abgestattet. Die alte Heimat. Hier wohnte er mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern – noch heute hat er Eva Brinkman vor Augen, die im Haus Nummer 22 lebte, „sie fuhr immer mit ihren beiden Dackeln im Korb auf dem Fahrrad“.

Bei seinen Streifzügen durch die Stadt ist Jörg Baesecke auch am Standbild der beiden Mädchen zwischen Realschule und Bühnenhaus vorbeigekommen, das dort ebenfalls seit den 60er Jahren thront. Die Aufstellung sorgte damals für einen Leserbriefkrieg in den Zeitungen. Es ging um die Frage, ob eines der Mädchen seine Flöte falsch hält („Sie spielt doch gar nicht, das ist nur die Ruhehaltung!“, „Vielleicht ist sie ja Linkshänderin“). Kunst erzählt Geschichten, und viele verdienen es, dass man sich an sie erinnert.