Integration? Kleingärtner machen es vor

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Wesel..  Ein Kleingarten ist typisch deutsch? Von wegen, Mihrican Pali schüttelt den Kopf. „Ne, eher typisch türkisch.“ Tomaten, Gurken, Kartoffeln – „wir Türken lieben es zu gärtnern“, sagt die 29-Jährige und lacht. Seit einem Jahr gehört die gut 80 Quadratmeter große Parzelle im Kleingartenverein Fischertorstraße ihren Eltern, Imdat und Hatice Pali. Zwei Jahre mussten sie auf die Zusage warten, jetzt genießen sie die ersten warmen Frühlingstage mit den beiden Töchtern Mihrican und Gülay auf ihrem kleinen Stück Land, oft kommt der Rest der Familie zu Besuch.

Schnell Freunde geworden

Oder Ehepaar Ott. Marlies und Horst Ott sind alte Hasen im KGV. 17 Jahre schon hegen und pflegen sie die kleine Parzelle, die nun direkt neben den Palis liegt. „Wir haben uns direkt angefreundet“, erzählt die 76-jährige Rentnerin freudig. Jetzt sitzen sie oft zusammen, bei den Palis gibt es dann türkischen Tee und traditionelles Gebäck. Laden die Otts ein, kommt Kaffee und Pflaumenkuchen auf den Tisch. „Und wird ein Baum gepflanzt, wird das begossen“, Marlies Ott lacht.

Ausgeschlossen wird hier niemand, weder Neuankömmlinge noch Mitglieder anderer Kulturen. Berührungsängste gibt es bei den Kleingärtnern an der Fischertorstraße nicht, im Gegenteil. „Wir ziehen hier alle an einem Strang und sind füreinander da“, sagt Horst Ott.

Wissen weitergegeben

Mihrican Pali nickt. „Wir wurden sofort mit Tipps und Tricks versorgt“ – wie Bäume richtig beschnitten werden, wohin das Treibhaus kommt, was gepflanzt werden kann. Auch auf das Wie kommt es an, weiß die junge Frau nun. „Nicht alles in einer Reihe anpflanzen-“ – „Und nur so viel, wie man auch verarbeiten kann“, mahnt Marlies Ott.

Für den Stadtverbands-Vorsitzenden der Kleingärtner in Wesel, Terry Albrecht, ist das Miteinander der türkischen und deutschen Familien ein Paradebeispiel. Integration ist dem gebürtigen Amerikaner sehr wichtig. „Wir wollen, dass jeder gleichbehandelt wird – egal woher er stammt.“ Zwar sei jeder Vereinsvorsitzende selbst dafür verantwortlich, wen er in den Verein aufnimmt. Dass der kulturelle Hintergrund bei der Aufnahme jedoch keine Rolle spielen soll, sei eine Art ungeschriebenes Gesetz.

Auch der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde bekennt sich in seinem Leitbild zur Integration. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und bezeichnet das Kleingartenwesen als „hervorragenden Motor“, ausländische und deutschstämmige Migranten zu integrieren. „Gemeinsam an einer Sache zu arbeiten, sich zu unterstützen und sich gemeinsam zu organisieren“, heißt es, helfe der Integration weiter zu wachsen.

Die Palis sind längst angekommen, jetzt auch mitten im Kleingartenverein. Das Gärtnern pflegte Hatice Pali schon in ihrer Heimat, der Türkei. Als die heute 52-Jährige 1982 nach Deutschland kam, musste sie den schönen großen Garten gegen einen kleinen Balkon eintauschen. Die Zeiten sind nun vorbei, Tochter Gülay schwärmt: „Jetzt kann auch wieder die ganze Familie zusammensitzen.“