Immer den Rhein im Blick

Baden ist kaum noch möglich hier – doch der Radweg führt zahlreiche Gäste auf die Terrasse.
Baden ist kaum noch möglich hier – doch der Radweg führt zahlreiche Gäste auf die Terrasse.
Foto: Funke Foto Services
Was wir bereits wissen
In der vierten Generation führen die Hüttners bereits das Hotel Wacht am Rhein

Wesel..  Ein spektakuläres Panorama auf den Strom - für Johannes und Marion Hüttner ist das Alltag. Das Paar weiß es durchaus zu schätzen. Nach all den Jahren genießen beide noch immer den Blick vom Balkon ihres Büdericher Hotels „Wacht am Rhein“ auf Wesel und den Strom. Wenn mal Luft dafür bleibt: Die Gastronomie fordert meist die ganze Frau und den ganzen Mann.

Historischer Moment

Überhaupt: Der Balkon. Eine winzige Rolle kam ihm zu in der großen Weltgeschichte. Churchill, Montgomery und Eisenhower standen am 25. März 1945 hier und blickten auf die völlig zerstörte Stadt Wesel. Ein historisches Foto. Heute ziert es die Wand im Restaurant. Schade, dass es den Originalbalkon nicht mehr gibt. Er saß direkt an der Front des Turms und ist einer der zahlreichen Renovierungen zum Opfer gefallen. „Das Foto ist erst später entdeckt worden“, bedauern die Hüttners. Heute gibt es rechts und links vom Turm begehrte Dachterrassen.

Seit 1888 besteht an dieser Stelle eine Gastwirtschaft. Sie entstand, als Landwirt Johann Hüttner das Haus bauen ließ. „Er hat seine Gäste sonntags mit einem kleinen Boot von Wesel geholt“, sagt Urenkel Johannes Hüttner (61). Nach Kaffee und Kuchen schipperte er sie auch wieder zurück. Der Rhein ist für die Hüttners immer Segen, nie Fluch. 1920, als beim Hochwasser weiter oberhalb der Deich bricht, ragt das Haus wie eine Insel aus dem Wasser. Ansonsten bringt er Gäste, der große Strom: Radler, die auf der Terrasse eine Pause einlegen; aber auch Kanuten, die Jahr für Jahr aus der Schweiz kommen und hier einkehren.

Uropa Johann war zeitlebens auch Landwirt, ebenso wie Sohn Johannes und Enkel Ernst. Erst der aktuelle Hausherr hat die Landwirtschaft aufgegeben. In den Ställen stapeln sich heute Möbel für die Terrasse. 27 Zimmer, Hotel, Restaurant, Café und Kegelbahn - da bleibt keine Zeit mehr für anderes.

„Opas Brüder hatten eine Dampfschifffahrt mit mehreren Booten“, erzählt Johannes Hüttner. Schlepper, die die Treidelpferde ersetzten und Kähne mit Waren den Fluss hinauf transportieren. „Die Schiffe hießen Wacht 1 bis Wacht 12.“ Vor dem zweiten Weltkrieg war damit Schluss. Aus diesem Kapitel der Familiengeschichte gibt es noch Fotos.

Marion und Johannes Hüttner wohnen neben dem Hotel. „Der Rhein bietet jeden Tag ein anderes Bild“, sagen sie. „Wenn ich um sechs Uhr hinüber gehe, genieße ich es“, sagt der Hotelier. Einige Schiffe sind alte Bekannte. Das Tankschiff Monika beispielsweise. Manchmal winkt man einander zu. „Früher kamen 400 bis 600 Schiffe am Tag. Jetzt sind es bis zu 300, aber es sind größere, und es gibt mehr Passagierschiffe darunter.“

Der neue Deich hat vieles verändert. „Ich habe im Rhein Schwimmen gelernt“, erinnert sich Marion Hüttner (56). Heute ist der kleine Badestrand, den die Büdericher Kinder früher besuchten, kaum noch sicher erreichbar. Es bleiben der weite Blick, der Rheinradweg und das begehrte Turmzimmer, von dem aus man die Schiffe verfolgen kann, bis sie hinter der großen Kurve verschwinden.