Ideengeber und Querdenker

Marcel Bönninger in Aktion - mit Anspruch und Engagement und stets auch mit Humor.
Marcel Bönninger in Aktion - mit Anspruch und Engagement und stets auch mit Humor.
Foto: Foto: Gerd Hermann
Was wir bereits wissen
Ein Chorleiter wie Marcel Bönninger aus Hamminkeln ist auch Entertainer. Am kommenden Wochenende startet er mit dem MGV „Bleib treu“ ins neue Jahr.

Das Jahr als wiederkehrender Zyklus - auch für einen Chor ist das nicht anders. Er arbeitet das Jahr über - neben vielleicht einzelnen kleinen - auf einen großen Auftritt hin. Der Chorsänger ist insofern ein Gewohnheitstier. Der Chorleiter ist es folglich auch. Aber von ihm wird mehr erwartet: Er ist bei aller geschätzten Verlässlichkeit als Ideengeber gefragt, als Mann fürs reizvolle Erkunden musikalischen Neulands. Der Hamminkelner Marcel Bönninger ist da ein wahrer Meister.

Das jährliche Herbstkonzert des Hamminkelner Männergesangvereins „Bleib treu“ ist gerade erst verklungen. Nach der Pause über Weihnachten und den Jahreswechsel beginnen die Proben für das neue Jahresprogramm am kommenden Samstag. Mit Spannung blicken die 42 Sänger auf diesen Tag, an dem ihr Chorleiter ihnen seine Idee für das Konzert im nächsten Herbst vorstellt. Im Dezember schon hat Marcel Bönninger sie entwickelt, aber sie ist bislang sein Geheimnis.

Eine Art Schatzkästlein der Ideen hat der demnächst 51-Jährige über die Jahre angelegt. Ab und zu sucht er darin. „Wenn ich nichts finde, werde ich nervös“, sagt er. Natürlich werden Wünsche an ihn herangetragen. Von Konzertbesuchern wie auch von Chormitgliedern. Operetten wären doch mal wieder schön - zum Beispiel. Dann muss der Chorleiter abwägen, was seine Männer können und was nicht. Er muss einschätzen, ob es ein Publikumsinteresse gibt. Und wenn er zu beidem ja sagt, muss geeignetes Material verfügbar sein.

Männer-Liebe ganz anders

„Liebeslieder“ wollte Bleib-treu-Mitglied Karl-Heinz Merz im vergangenen Jahr gerne singen. Das ist schön, aber wie authentisch kann ein solcher Chor dabei sein, wie emotional wirklich berührend? „Mann liebt“ wurde daraus – ein Programm, das die Liebe der Männer ganz anders definierte: bezogen auf Autos oder Fußball, ironisch-spaßig, poppig-peppig, leicht schräg inszeniert und sehr unterhaltsam. Marcel Bönninger zeichnet die Fähigkeit aus, querdenken zu können.

Ausgleich und Highlight

Der Erfolg gibt ihm Recht. Und die Sänger vertrauen ihm. Sie kommen gerne zur wöchentlichen Probe, auch wenn meist rund ein Viertel von ihnen fehlt. Rentner hätten halt oft Urlaub, sagt er grinsend. Beim Posaunenchor der Evangelischen Kirche in Hamminkeln, den er auch leitet, sind viele Jugendliche dabei, die andere Gründe fürs Fernbleiben haben. Ein Fußballspiel etwa. Und wenn sie bei vier Konfirmationsgottesdiensten viermal das gleiche Programm spielen sollen, bröckelt es von Mal zu Mal ab. Für die Sänger ist die Probe ein Ausgleich zur Arbeit und/oder ein „Highlight“ im Wochenrhythmus. Sie werden geistig gefordert, finden zu sich selbst. „Sie kommen hier zur Ruhe“, sagt Bönninger. Sie gehen anders als sie hergekommen sind - ausgeglichener.

Dabei erleben sie ihren Chorleiter durchaus als pingelig und „bissig“, wie er selbst sagt. Als engagiert und konzentriert, aber auch als humorvoll. „Eine Probe, bei der nicht gelacht wird, ist eine verschenkte Probe.“ Sie sei „auch ein Stück Entertainment“, das er als bekennender „Freund der Situationskomik“ leistet. Nicht als Selbstdarsteller: „Ich will authentisch bleiben.“ Bei der „Balance zwischen Fordern und Überfordern“ vermeidet er, Einzelne zu kritisieren. Mit Hierarchien und solistischen Starkult-Ansätzen hat er einst anderenorts schlechte Erfahrungen gemacht. Innerhalb der vier Stimmen bilden die Männer auch untereinander ihr eigenes Korrektiv.

Die neue Idee kann Marcel Bönninger seinen Herren sinnvollerweise erst dann unterbreiten, wenn sie umsetzbar ist. „Gibt es dafür Noten? Kann ich selbst was schreiben?“ sind Fragen, die er abzuklären hat. Das Internet ist auch dabei eine Hilfe, unter anderem mittels digitaler Möglichkeiten für Komposition, Arrangement und Notensatz. Manchmal gilt schlicht: „Anhören, abspielen, aufschreiben.“

Gewohnt und doch anders

Jedes Jahr vertraute Gewohnheit und jedes Jahr doch wieder anders - das Publikum dankt es und der Chor auch, der dadurch neue Mitglieder gewinnt. Trotzdem wurmt es den Chorleiter mitunter, dass der Alltag Grenzen setzt, Potenziale auszuschöpfen; dass ein Projekt mal mit Oberstimme nicht machbar, weil nie mit allen durchzuproben ist. Aber missen möchte auch er die Chorarbeit nicht. „Bleib treu“ ist eine schöne Verpflichtung.