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"Ich bin angekommen"

08.04.2009 | 17:15 Uhr
"Ich bin angekommen"

Die Weselerin Conny Barlag (34), die vor vier Jahren ein Kind verlor, ist als Trauerrednerin tätig.

Menschen ein Stück weit zu begleiten ist Conny Barlags Job. Die 34-jährige Weselerin hat sich keinen einfachen Weg ausgesucht. Sie ist Trauerrednerin. Die Hinterbliebenen, die die Bestattungsfachfrau trifft, weinen viel und schwelgen in Erinnerungen, oder sind sprachlos und wie versteinert. Alle vereint jedoch der Wunsch nach einem individuellen, persönlichen Abschied vom verstorbenen Menschen. Für das erste Gespräch nimmt sich die gelernte Pädagogin deswegen mehrere Stunden Zeit: „Wenn es gut läuft, habe ich bald das Gespür dafür, was der Hinterbliebene braucht, und was gesagt werden sollte.”

Bestattungsfachfrau

Sie weiß, wovon sie spricht. Conny Barlag hat vor vier Jahren einen Sohn verloren. Das hat ihr Leben in völlig andere Bahnen gelenkt. Sie hat ihre Arbeit in einem Kinderheim an den Nagel gehängt. „Ich wollte nicht mehr mit Menschen zusammenarbeiten, die das Leben ihrer Kinder nicht zu schätzen wissen.” Conny Barlag war eine der ersten, die die relativ junge Ausbildung zur Bestattungsfachfrau absolvierten und hat diesen Schritt nie bereut. „Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen. Ich fühle mich wohl und kann mir nicht vorstellen, dass es etwas gibt, das mir mehr gefällt”, so die zierliche Frau.

Info
Mitgefühl

Conny Barlag hat ein Buch über ihren Sohn Titus geschrieben, der am plötzlichen Kindstod gestorben ist. Viele Weseler, die die Beerdigung der AVG-Schülerin Judith Spiller besucht haben, werden außerdem ihre warme und mitfühlende Stimme kennen: Auch hier hat sie die Trauerrede gehalten.

Die Anregung, auch Trauerreden zu schreiben, kam von ihrer jetzigen Chefin Margit Keunecke. Ihre drei Kinder Tommi (9), Elias (7) und Jette (3) sind „stolz wie Oskar” auf den Job der Mama. Ehemann Michael Barlag auch: „Sie guckt mit dem Herzen und schreibt mit dem Kopf”, so der 37-Jährige. Auf ihrem Schreibtisch liegen die gesammelten Verse von Goethe und Liebesgedichte von Erich Fried. Darin blättert die Weselerin, wenn sie an ihren Reden schreibt. „Die allerletzten öffentlichen Worte über einen Menschen sollten schon richtig gut und in einer schönen Verpackung sein”, findet die Trauerrednerin, die sich selbst als „Sprach-Junkie” bezeichnet.

Als eine Konkurrenz zu Pfarrern sieht Conny Barlag sich nicht, betrachtet es allerdings als großen Vorteil, dass sie sich nicht nach Liturgien oder anderen Vorgaben richten muss. Für sie zähle nur der Wunsch der Hinterbliebenen. Und das, was den Verstorbenen ausgemacht hat.

„Leben schreibt Geschichte”

So kann es schon einmal passieren, dass sie bei einem hochdekorierten Professor nicht über dessen berufliche Erfolge spricht, sondern über seine Vorliebe fürs Rosengärtchen. „Leben schreibt Geschichte” hat sich Conny Barlag zum Motto gemacht. Und zwar jedes Leben. Sie hat schon einige Male die Eltern von totgeborenen Kindern bei der Beerdigung begleitet. „Auch diese Kinder haben gelebt, sie haben Purzelbäume geschlagen beim Ultraschall und gegen die Bauchdecke getreten.” Und sie weiß: Es wird nie wieder alles gut, wenn ein Kind stirbt. „Solche Floskeln wie 'die Zeit heilt alle Wunden' werden Sie von mir nie hören.”

Conny Barlag arbeitet seit Kurzem nur noch Teilzeit im Bestattungsinstitut und widmet den Rest ihrer Familie und den Trauerreden. Mit der Ansprache bei der Beerdigung ist für die Weselerin die Wegbegleitung aber nicht beendet. „Ich rufe immer ein paar Wochen später noch einmal an, ich will einfach wissen, wie es den Leuten geht.” Schlägt die intensive Beschäftigung mit Tod und Trauer nicht doch irgendwann aufs Gemüt? „Nein”, meint Conny Barlag, „ich fühle mit, aber ich leide nicht mit.”

Corinna Zak

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