Hier geht’s um die Wurst

Erkennen Sie ihn? Der Mann mit dem Cowboyhut hinter dem Akkordeon – das ist Gerd Becks. In den 60er Jahren in der Küche von Fritz Busch
Erkennen Sie ihn? Der Mann mit dem Cowboyhut hinter dem Akkordeon – das ist Gerd Becks. In den 60er Jahren in der Küche von Fritz Busch
Foto: privat
Was wir bereits wissen
Und natürlich um Mädchen. Gerd Becks erklärt den lustigen Brauch der Gahlener Junggesellenvereine

Schermbeck..  Wurstjagen? So mancher Zugezogene dürfte sich in der Vergangenheit kurz vor Karneval über ungewöhnlichen Besuch gewundert haben: Eine Horde heiterer Männer, die in aller Herrgottsfrühe an der Haustür klingeln, um sich Wurst und Eier schenken zu lassen und dem edlen Spender im Gegenzug ein Gläschen Schnaps einzuschenken. Na, wenn das mal nicht verdächtig ist...

„Es gab tatsächlich Leute, die beim ersten Mal die Polizei gerufen haben“, sagt Gerd Becks und lacht. Als Ur-Gahlener war der 71-Jährige früher, als er noch zu den Junggesellen gehörte, natürlich selber Wurstjäger. Der mehr als hundert Jahre alte und für manche so ungewöhnliche Brauch ist ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Gerd Becks hat alte Zeitungsartikel und Fotos auf dem Küchentisch ausgebreitet. Ein Bild aus den 60ern zeigt ihn mit Cowboyhut fröhlich singend in der Küche von Fritz Busch, wo die erbeuteten Würste gerade mit einem Schnäpschen gefeiert werden. Auch in einem Zeitungsartikel vom 31. Januar 1972 taucht der Gahlener auf: „Freundlich wurde die ausgelassene Truppe unter Führung ihres karnevalistisch gekleideten 28jährigen Vorsitzenden Gerd Becks in den einzelnen Häusern empfangen.“ Reich beschenkt mit Lebensmitteln zog die Gruppe weiter.

Querfeldein über Stock und Stein

Aber eigentlich ging es für die Junggesellen ja weniger um die Wurst als um Mädchen. „Die Jugend wollte feiern und sich näher kommen“, sagt Gerd Becks. Und weil der Karneval damals im protestantisch geprägten Gahlen keine so große Rolle spielte, dachten sich die jungen Männer ihr eigenes Fest aus. Becks: „Wir sind hier ja sehr dörflich geprägt und damals gab es noch fast überall Hausschlachtungen.“ Daraus entwickelte sich die Idee, von Haus zu Haus zu ziehen, Leckereien aus der Bauernküche mitzunehmen und am Abend mit den Mädchen zu feiern.

Was so feuchtfröhlich klingt, ist für die Männer selbstverständlich harte Arbeit. Gerd Becks kann das bestätigen. „Tragen Sie mal 30 Liter Schnaps auf dem Rücken“, sagt der 71-Jährige mit einem Grinsen im Gesicht. Zu seiner Zeit wurde der hochprozentige Klare noch in der „Griese“, einem großen Gefäß, durch die Gegend geschleppt. Die gespendeten Naturalien schulterten die Junggesellen in Kiepen. Und da sie in jedem Haus ein Gläschen mittranken und an diesem Tag viele, viele Kilometer querfeldein über Stock und Stein liefen, mussten sie so einige Pausen einlegen, um am Abend noch Kraft zum Feiern zu haben. Die Wurst wurde zum Fest meist mit Sauerkraut und dicken Bohnen im Gahlener Hof verspeist. „Da kamen dann auch die Junggesellinnen dazu und es spielte eine Tanzkapelle.“

Am nächsten Freitag geht’s los

Schöne Erinnerungen – und genauso schöne Aussichten. Denn der Brauch des Wurstjagens hat sich kaum verändert. Ortswechsel: Vom Küchentisch bei Becks geht es in die Gahlener Volksbank, in das Büro von Tom Weber. Der 24-jährige Bankangestellte ist Vorsitzender des Junggesellenvereins Gahlen-Dorf, der Anfang Februar gemeinsam mit dem Nachbarverein Gahlen-Bruch zum Wurstjagen um die Häuser zieht.

Mittlerweile beginnt das Vergnügen sogar schon einen Abend vorher, am kommenden Freitag, 6. Februar. Dann treffen sich alle auf dem Hof Uhlenbrock. Die Frauen schälen für das Festessen am nächsten Tag 50 Kilo Kartoffeln. Und die Männer? Die sorgen für Unterhaltung. Samstagmorgen geht es dann um 6.30 Uhr weiter. „Zwei Stunden Schlaf“ hatte Tom Weber beim letzten Mal. Nach der Jagd geht es wie früher ins Restaurant. Nur dass der Gahlener Hof jetzt „Zur Mühle“ heißt. Wer tagsüber Wurst und Eier gespendet hat, darf abends gratis mitfeiern. Alle anderen zahlen sechs Euro Eintritt.

Ab 19 Uhr geht es dann am 6. Februar um die Wurst – und um die Frauen. Und wer schon eine hat? Der bringt sie natürlich mit. „Meine Freundin und ich feiern zusammen“, sagt Tom Weber. Schließlich sind wir hier in Gahlen nicht bei Bauer sucht Frau, sondern beim närrischen Wurstjagen. Helau!