Geschichte kann man nicht abwählen

Jörg Baesecke am Freitag im Bühnenhaus. Die Zeichnung zeigt eine Haubenlerche. Nach dem Krieg kehrten die Vögel in Scharen in die Städte zurück.
Jörg Baesecke am Freitag im Bühnenhaus. Die Zeichnung zeigt eine Haubenlerche. Nach dem Krieg kehrten die Vögel in Scharen in die Städte zurück.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Jörg Baesecke und sein Erzähltheater „Papier.Krieg“ im Bühnenhaus

Wesel..  Trauerarbeit. Was für ein Wort! Jörg Baesecke winkt ab. Könnte glatt in anderen Sprachen Einzug halten, wie „Kindergarten“ im Russischen. Als ebenso ungeeignet verwarf der Schauspieler die Idee, den Nachlass der Mutter als Lesung auf die Bühne zu bringen; Eine Kerze, dahinter er, umgeben von Papieren, Briefen, Fotografien. Zum Glück ist der Mann Profi und hat sich für einen spielerischen Zugang entschieden. Für ein besonderes, ein verwunschenes Memory-Spiel. Das dreht er nun im Bühnenhaus um, Karte für Karte, und erzählt dem Publikum wie das war, in einem Jahrhundert zwischen zwei Kriegen, zwischen Trümmern, Aufbau und irgendwie zwischen allen Fronten.

„Papier.Krieg“ heißt das Erzähltheater, mit dem der gebürtige Weseler und Chef der „Kleinsten Bühne der Welt“ durchs Land tourt. Am Freitag machte er Station in Wesel, im Rahmen der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag des Kriegsendes. Zu sehen ist eine äußerst unterhaltsame Vergangenheitsbewältigung, privater und allgemeiner Natur, aber auch ein Stück deutsche Geschichte, von der der Theatermann seit der Schule weiß, „dass man sie nicht abwählen kann“.

Das hat ihm sein Vater einst eingetrichtert und Gymnasiast Jörg hat’s trotzdem gemacht, damals, um 1970. Im Gedächtnis behielt er den Satz dennoch, wie er überhaupt noch alles weiß. Wie er als Kind in den Trümmern spielte. Wie der Vater 690 D-Mark Entschädigung vom deutschen Staat für seine jahrelange russische Gefangenschaft erhielt. Und wie tieftraurig der Luftschutzbunker seine Mutter zurückließ, die er immer aufheitern musste, ein Leben lang.

Baesecke dreht die Karten um. Ein Scherenschnitt zeigt ihn selbst mit der Kerze am Tisch, als er den Nachlass der verstorbenen Mutter sortierte - Anlass für den „Papier.Krieg“. Das nächste Blatt: eine grüne Wiese. Nanu? Das Publikum rätselt, Baesecke grinst. „Das ist ein Fußballfeld, 1990, Italien, Deutschland schlägt England.“ Ex-Kanzler Kohl, erzählt er, trumpfte damals auf, man habe England in seiner Nationalsportart besiegt. „Dafür haben wir die Deutschen zweimal in ihrer Nationalsportart besiegt“, entgegnete Ex-Premier Thatcher.

So geht es Zug um Zug. Mal zeigt Baesecke Grafiken, die den Schnee darstellen oder die Sterne, mal die Zeichnung einer Haubenlerche, die nach dem Krieg in Schwärmen in die Städte zurückkehrte. Traurig sind seine Erzählungen, berührend, aber auch abgrundtief komisch. Am Ende ist das 20. Jahrhundert an uns vorbeigeflogen. Wir bleiben zurück, ein Glück.

Langer Applaus.