Gegen den Strom

Dinge des täglichen Bedarfes, ein Lunchpaket oder Handarbeiten aus dem Dorf: Burkhard Bauth bietet eine bunte Palette.
Dinge des täglichen Bedarfes, ein Lunchpaket oder Handarbeiten aus dem Dorf: Burkhard Bauth bietet eine bunte Palette.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Burkhard Bauth trotzt dem Trend. Er hat seinen Dorfladen genau dort eröffnet, wo andere schließen:auf dem Land, in Schermbeck. Und sein Konzept geht auf

Schermbeck..  Eigentlich ist diese Geschichte ganz schön verrückt. Wir schreiben das 21. Jahrhundert, die klassischen Geschäfte haben es immer schwerer, und vor allem auf dem Land gehen in den Läden die Lichter aus, weil alle Welt im Internet bestellt oder beim Discounter auf der grünen Wiese einkauft. Und was macht Burkhard Bauth? Er eröffnet als Zugezogener im kleinen Örtchen Gahlen ein Geschäft für die Dinge des täglichen Bedarfs und nennt es ganz selbstbewusst „Dorfladen“. Und das Schönste an dieser Geschichte: Sie funktioniert!

Ein Händchen für Kunden

Burkhard Bauth lächelt. Ein bisschen müde sieht der 44-Jährige kurz vor der Mittagszeit aus. Schließlich steht er schon so einige Stunden im Laden. Um sechs Uhr früh kommen die ersten Kunden. Seit der Eröffnung im Jahr 2011 hat der Jungunternehmer sehr viel gearbeitet. Und doch hat seine Lebensgefährtin festgestellt, dass er noch nie so ausgeglichen gewirkt hat.

„Das macht mir einfach unheimlich viel Spaß hier“, sagt er. Also hat sich das Wagnis gelohnt? Der Chef des Dorfladens nickt. Da gab es diesen Moment, als im klar wurde, dass er alles richtig gemacht hat. Als ein kleiner Junge für 80 Cent Eis kaufte, ihm einen Euro gab und sagte: „Den Rest können Sie behalten, weil Sie immer so nett sind“, da hatte Burkhard Bauth Tränen in den Augen. Und die Gewissheit, dass er ein Händchen für Kundenbindung hat.

Das Gespräch mit den Leuten – das ist in einem Geschäft wie seinem das Allerwichtigste. Es ist schon erstaunlich, wie viel Privates ihm, dem Ladeninhaber, in einer einzigen Stunde begegnet. Da ist die Dame, die an Krücken geht und von ihrem Unfall erzählt und der Ungeduld, dass die Genesung so lange dauert. Die nächste wird an der Brottheke mit „Einmal Leckerchen wie immer?“ begrüßt und geht mit einem geschmierten Salamibrötchen wieder hinaus. Da ist der Mann, für den die übliche Tabak-Ration bereit liegt, die Frau, für die eine Klatschzeitschrift aus der Vorwoche reserviert wurde, die Kundin, die vom Zahnarztbesuch berichtet oder der Kunde, der sich mit „Burkhard, hau rein!“ verabschiedet.

Tante Emma trägt Bart

Als vor einer Weile eine Zeitung berichtete, dass in Gahlen die Tante Emma Bart trägt, hat Burkard Bauth geschmunzelt und sich wiedererkannt. Auch wenn er heute sehr viel mehr dafür tun muss, um mit seinem „Tante-Emma-Laden“ zu überleben: „Ich muss mir ständig neue Sachen einfallen lassen, damit sich die Kunden ganz bewusst dafür entscheiden, bei mir einkaufen zu gehen.“ Hilfreich ist, dass er mit Post, Bäckerei, Lotto, Zeitschriften, Schreibwaren, Tabak und einer Auswahl an regionalen Produkten wie Kartoffeln, Äpfel, Honig, Eier und Wildfleisch bereits einen guten Angebotsgrundstock hat.

Der Rest ist die Kür, an der von Jahr zu Jahr mehr gefeilt wird. Dazu gehören kreative Dinge wie diese: Eine Ladenecke ist für Weine reserviert. Hier stehen Tische und Stühle, so dass immer mal wieder nette Weinproben mit Häppchen und Live-Musik angeboten werden. Im Sommer schnürt Burkhard Bauth Lunch-Pakete für Gäste auf den Campingplätzen der Umgebung, die diese zum Ausflug in den Movie-Park mitnehmen können. Es gibt eine Kooperation mit einer Reinigung und einem Fahrrad-Laden. Beides kann bei ihm abgegeben und dann gewaschen bzw. repariert wieder abgeholt werden. Und: Kunden können im Dorfladen Regale mieten und ihre Handarbeiten dort zum Verkauf ausstellen. „Das wird sehr gut angenommen.“

Und trägt zur enormen Vielfalt des Sortiments bei. Filzpantoffeln, gehäkelte Eierwärmer in Hühnchenform, Schmuck, gestrickte Socken, Sitzkissen mit Kinderstoffen, bemalte Keramikschalen, Holzarbeiten, selbst gebackene Hundekekse und je nach Saison Adventsgestecke oder Osterdeko - Letztere sind Unikate, die Burkhard Bauth selber macht.

Hätte man ihm vor ein paar Jahren, als er als Vertriebsleiter einer großen Krankenkasse in Duisburg ein Team mit 18 Mitarbeitern führte, erzählt, dass er mal einen Dorfladen in Gahlen eröffnen würde – vermutlich hätte sich Burkhard Bauth bei diesem verrückten Gedanken mit dem Finger an die Stirn getippt. Manchmal bedarf es unfreiwilliger Veränderung für einen solchen Schritt. In seinem Fall war es eine Umstrukturierung der Krankenkasse, die ihm nach einer mutigen Entscheidung diese ganz neue Welt eröffnete. Und den Traum, dass es im 21. Jahrhundert möglich ist, einen Dorfladen mit Zukunft zu führen.