Gefragte Arbeit der Lebenshilfe-Werkstatt

Thorsten Jansen
Thorsten Jansen
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Rund 100 Kunden sorgen für genug Arbeit am Schornacker. Mehr als genug, denn auch hier macht sich die Ferienzeit bemerkbar. Die Fähigkeiten der Mitarbeiter werden gefördert – sie sind stolz auf ihre Produkte

Wesel..  Volle Auftragsbücher, jede Menge zu tun – und es ist Urlaubszeit. Auch in den Werkstätten der Lebenshilfe sind dieser Tage weniger Mitarbeiter am Arbeitsplatz, in diesem Punkt unterscheidet sich das Unternehmen nicht von anderen. Doch die Arbeit muss erledigt werden, Liefertreue ist entscheidend für die mehr als 100 Kunden in den Bereichen Elektrodemontage und -montage, Metall und Kunststoffverarbeitung, Medizintechnik und mehr.

Komplexe Arbeitsabläufe

Die Zeiten, in denen Menschen mit geistiger Behinderung bloß Besen binden durften, sind lange vorbei – nur dauert es einfach, bis sich das herumgesprochen hat. Thorsten Jansen beispielsweise ist gestern damit beschäftigt, Aluminiumprofile für Türgriffe an einer Maschine herzustellen. Er mag die Arbeit, ist sichtlich stolz auf seine Leistung. „Wir haben hier ziemlich fitte Leute“, sagt sein Bereichsleiter Marco Bolk, „sie richten die Maschinen selbst ein, wir kontrollieren nur noch“. Mehr als Nichtbehinderte, identifizieren sich viele Mitarbeiter der Lebenshilfe mit ihren Produkten. Die Buchsen, die nach Amerika geliefert werden, werden unter anderem für das Cable Car in San Francisco gebraucht und für die amerikanische Eisenbahn.

„Wir machen das Tor“, ist der Werbeslogan des Lebenshilfe-Kunden Novoferm. Für die, die am Schornacker daran mitarbeiten, ist das nicht bloß ein Werbespruch, es ist Selbstverständnis. Sie kennen den Satz, sie leisten etwas, das gebraucht wird. Behinderte Mitarbeiter arbeiten an CNC-Maschinen, fräsen und bohren Kühlkörper und mehr, beherrschen hochkomplexe Arbeitsgänge.

„Jeder wird hier im Rahmen seiner Möglichkeiten gefördert und ausgebildet“, sagt Verena Birnbacher, Geschäftsführerin der Lebenshilfe Werkstätten Unterer Niederrhein. Das dauert häufig deutlich länger als bei Menschen ohne Behinderung, und es bedarf einer besonderen Umgebung.

Die Fähigkeiten und Begabungen sind sehr unterschiedlich. So ist höchste Konzentration und absolute Genauigkeit erforderlich, um eine Endoskopieschlaufe herzustellen. Und es gibt Menschen, deren Behinderung sie beschränkt einsetzbar macht, die aber genau dieses eine gefragte Talent mitbringen.

„Für unsere Mitarbeiter ist es wichtig, dass die Produkte tadellos sind. ‘Ist egal’ kennen sie nicht“, sagt Werkstattleiter Gabriel Trandafir. Was abweicht, wird aussortiert. So fiel schnell auf, dass eine Lieferung Schläuche für die Endoskopieschlaufen nicht in Ordnung war, die Menschen mit geistiger Behinderung haben sie nicht verbaut. Gut für die späteren Patienten.

Nicht jeder hier am Schornacker ist in der Lage hochkomplexe Abläufe zu beherrschen, doch das Prinzip ist das gleiche. Derzeit packt eine Gruppe Mitarbeiter für einen Kunden Adventskalender für Hunde, hinter jedem Türchen wartet ein Leckerchen. Es ist enorm wichtig für die Frauen und Männer, das keines fehlt. Stolz zeigen sie ihr Produkt.

Mancher verlässt die Werkstatt, nachdem er Fertigkeiten erlernt hat, die auch in der freien Wirtschaft gebraucht werden. Swen Marx (31) ist so jemand. Er kann lesen und schreiben, vor allem kann er mit Druck umgehen – vielen Menschen mit geistiger Behinderung ist das nicht möglich. Und er hat die Genehmigung erworben, Gabelstapler zu fahren. Jetzt arbeitet der junge Mann Spätschicht beim Paketzusteller GLS, ist auf Retouren und das Herausfinden unvollständiger Adressen spezialisiert. Zufrieden trägt er die Montur mit dem Firmenlogo. „Ich fühle mich wohl da“, sagt er, und es gibt jede Menge zu tun. Angestellt ist er nach wie vor bei der Lebenshilfe. „Das gibt ihm Sicherheit. Er hat bei uns seine Ansprechpartner, ebenso wie der Arbeitgeber“, erläutert Birnbacher.

Aufgabe der Lebenshilfe-Werkstatt ist es, die Arbeitsplätze so auszustatten, dass die Mitarbeiter ihre Fähigkeiten auch anwenden können. Seit einiger Zeit beispielsweise liefert ein Mitarbeiter das Essen an die Lebenshilfe-Kindertagesstätten aus. Er kann ein Auto fahren, allerdings musste eines mit Automatikgetriebe angeschafft werden.

310 Menschen mit Behinderung arbeiten in der Weseler Werkstatt und 60 Betreuer. Gewöhnlich. Doch es ist Urlaubszeit und es gibt so viel zu tun...