Erinnerung an jüdische Weseler

Gedenkstunde am Dienstagmittag im Willlibrordi-Dom.
Gedenkstunde am Dienstagmittag im Willlibrordi-Dom.
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums erinnerten an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren.

Wesel..  Familie David lebte seit dem 17. Jahrhundert in Deutschland. Auch in Wesel gab es Verwandte. Sie hatten ein Schuhgeschäft. Acht Jahre verbrachte Walter David in seiner Heimatstadt, mit neun Jahren ging es nach Israel. Seine Großeltern starben im Konzentrationslager Theresienstadt. Immer wieder hat Walter David später Wesel besucht und sich auf die Spuren seiner Kindheit begeben. Während der Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 70 Jahren durch die Rote Armee wurde an den inzwischen verstorbenen ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnert.

„Ist das der Dank des Vaterlandes?“

Schülerinnen und Schüler des Konrad-Duden-Gymnasiums, die die Feier im Willibrordi-Dom gestalteten, hatten zuvor im Stadtarchiv recherchiert. Hier stießen sie auch auf die Weselerin Luise Brandenstein, die Ärztin werden wollte und in Münster studierte. Obwohl Juden eigentlich nicht zum Staatsexamen zugelassen wurde, gelang es ihr doch. Sie promovierte später in Bern und praktizierte in den USA als Gynäkologin. Ihr letzter Brief stammt aus dem Jahr 1994.

Auch das Leben von Erich Leyens ließen die Jugendlichen Revue passieren. Schließlich war er einst Schüler ihrer Schule. 1898 geboren, zog er als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Als sein Geschäft 1933 von der SA boykottiert wurde, zog er sich seine Uniform wieder an und fragte auf Flugblättern „Ist das der Dank des Vaterlandes?“ Es nutzte nichts: Sein Kaufhaus am Großen Markt wurde zerstört. Er ging nach Italien, behielt aber seinen deutschen Wohnsitz. 2001 starb Leyens, nach dem in Wesel ein Platz benannt ist, im Alter von 103 Jahren.

„Seit Auschwitz ist nichts mehr unmöglich“, hatte eine Schülerin gleich zu Beginn der Gedenkfeier gesagt, die zusammen mit der Stadt, der Evangelischen Kirchengemeinde und dem Jüdisch-Christlichen Freundeskreis Wesel initiiert und gestaltet wurde. Das Orgelspiel zwischen den Redebeiträgen bot Raum, die Gedanken schweifen zu lassen - in eine Zeit, in die das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte fällt.

Vor dem Holocaust gab es eine lebendige jüdische Gemeinde in Wesel. 1933 lebten noch 161 Juden hier, zehn Jahre später keiner mehr. Viele waren ausgewandert, andere ließen ihr Leben im Konzentrationslager, wohin sie verschleppt wurden. Für die Opfer der Shoah, den nationalsozialistischen Völkermord an den europäischen Juden, legte Bürgermeisterin Ulrike Westkamp mit Schülern einen Kranz am Mahnmal neben dem Dom nieder. Am Nachmittag brannten dort zudem zahlreiche Lichter, die die Teilnehmer der Gedenkstunde aufgestellt hatten.