Er gab seinen Eltern ein Versprechen

Fast ganz allein baute Klaus Ziegler das Haus seiner Familie nach den Angriffen 1945 wieder auf.
Fast ganz allein baute Klaus Ziegler das Haus seiner Familie nach den Angriffen 1945 wieder auf.
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Die Angriffe auf seine Heimatstadt erlebte Klaus Ziegler (89) zwar nicht in Wesel, den Wiederaufbau seines Elternhauses stemmte er als junger Mann aber beinahe allein.

Wesel..  Klaus Ziegler sitzt in seinem Wohnzimmer in Obrighoven am Tisch, mehrere kleine Schwarz-Weiß-Fotografien in der Hand. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des 89-Jährigen. „Ich hab’ es überstanden“, sagt er und atmet einmal ganz tief durch. Denn das, worüber der gebürtige Weselander eben geredet hat, fällt ihm immer noch schwer und treibt ihm die Tränen in die Augen – auch 70 Jahre danach. Doch Klaus Ziegler hat sich einen Ruck gegeben. In der NRZ berichtet er davon, wie er die Zeit des Bombenangriffs auf seine Heimatstadt im Februar 1945 erlebt hat.

Bei den Angriffen selbst hielt sich Ziegler gar nicht in Wesel auf. Seit August 1943 war er als Soldat bei der Wehrmacht. Mit einer leichten Verletzung kam er 1944 ins Lazarett, war aber Anfang 1945 wieder einsatzfähig. „Ich habe mit meinen Eltern telefoniert und dabei erfahren, dass Wesel und auch unser Haus auf der Baustraße zerbombt worden waren.“ Sein Onkel hatte die Angriffe am 16. Februar allein im gewölbten Keller überlebt und war anschließend von einem Nachbarn aus den Trümmern gezogen worden. Die Eltern und Klaus Zieglers Schwester waren zuvor in die Brüner Unterbauernschaft geflohen.

Auf dem Weg an die Westfront machte Klaus Ziegler einige Tage nach der Bombardierung einen unerlaubten Abstecher nach Wesel und sah das Ausmaß der Angriffe mit eigenen Augen. Anschließend fuhr er nach Brünen, um zumindest eine Nacht mit der Familie zu verbringen. „Da habe ich meinen Eltern ein Versprechen gegeben“, erinnert sich Klaus Ziegler noch genau. „Wenn ich heil zurückkommen würde, würde ich helfen, das Haus wieder aufzubauen.“ Nach der einen Nacht musste Klaus Ziegler seine Lieben am 26. Februar wieder verlassen. „Genau an meinem Geburtstag“, sagt er unter Tränen.

Schon bald nach dem kurzen Wiedersehen mit seinen Eltern geriet der Weseler in amerikanische Gefangenschaft und war zunächst in Frankreich, dann in England. Am 14. September 1945 kehrte er zurück in seine Heimatstadt. Die Eltern hatten zu diesem Zeitpunkt schon eine provisorische Wohnung an der Kraftstraße bezogen. Vater Ludwig, der vor der Bombardierung ein in der Stadt bekanntes Geschäft für Tapeten und Farben in der Baustraße hatte, hatte bereits Pläne für den Wiederaufbau geschmiedet. „Wir mussten aber erst noch abwarten, weil noch nicht entschieden war, ob die Stadt an gleicher oder anderer Stelle wieder aufgebaut werden soll“, berichtet Klaus Ziegler. Nachdem die Entscheidung für den Aufbau an gleicher Stelle Ende 1945 gefallen war, fing Klaus Ziegler Anfang 1946 mit der Arbeit an.

Fließendes Wasser

„Ein ganzes Jahr lang habe ich Schutt weggeschafft und Steine geschleppt“, erinnert sich der Weselaner. „Ganz allein – einer meiner Brüder war noch in Gefangenschaft, der andere zu klein.“ Ende 1946 stellte die Firma Trapp der Familie einen Maurer zur Verfügung, der dann mit Klaus Zieglers Hilfe zunächst das Hinterhaus als Wohnhaus wieder aufbaute, anschließend das Geschäft. „Wir waren mit die ersten, die mit dem Wiederaufbau begannen“, weiß der 89-Jährige noch. Und da in der Baustraße die Leitungen keinen allzu großen Schaden erlitten hatten, konnte die Familie schon Ende 1947 wieder fließendes Wasser nutzen, auch das Telefon funktionierte wieder. „Wirklich oft geklingelt hat es aber nicht. Es hatte ja nicht jeder schon wieder einen Anschluss.“ Wenn aber wer angerufen habe, dann habe sich der Vater stets mit „Trümmerkönig Ludwig“ gemeldet, weiß Klaus Ziegler noch genau und muss bei dieser Erinnerung unter Tränen lächeln.

Anfang 1948 kam dann auch der ältere Bruder wieder aus der Gefangenschaft und stieg in das Geschäft mit ein. Zu diesem Zeitpunkt gab es für den Familienbetrieb schon wieder zahlreiche Aufträge. Klaus Ziegler konnte dann eine kaufmännische Ausbildung samt Banklehre machen und war später Filialleiter der Sparkasse in Obrighoven.