Eine traumatisierte Generation

Zahlreiche Weseler nahmen am ökumenischen Gottesdienst im Dom teil.
Zahlreiche Weseler nahmen am ökumenischen Gottesdienst im Dom teil.
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Gedenken: 70 Jahre nach der Zerstörung Wesels. Die Bombentage haben sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben. Gebete für den Frieden auf der Welt

Wesel..  Der 16. Februar 1945 war ein sonniger, klarer Wintertag. Dann wurde es plötzlich dunkel: Hunderte Flugzeuge brachen über Wesel herein und warfen Bomben auf die Stadt. Sie hinterließen, Tod, Zerstörung, Trauer und Angst, traumatisierten eine ganze Generation. Rund 600 Menschen kamen ums Leben. 70 Jahre nachdem die Stadt „nach menschlichem Ermessen unbewohnbar“ war, wie es damals ein britischer Kriegsberichterstatter meldete, erinnerte man sich zurück. An der trauernden Vesalia auf dem Friedhof an der Caspar Baur-Straße wurde ein Kranz niedergelegt: „Zum Gedenken an die Opfer der Luftangriffe auf die Stadt Wesel im Februar 1945.“

In einer bewegenden Rede beschrieb Bürgermeisterin Ulrike Westkamp die Ausmaße der Zerstörung. „Wesel zählte am Ende des Zweiten Weltkrieges zu den am schwersten zerstörten Städten Europas“, sagte sie. Doch nicht nur die Stadt wurde zerstört. Besonders tragisch sind die Schicksale, die die Bombenangriffe herbeiführten. Es blieben „die lähmende Angst, das Leid und das Grauen“, so Westkamp. Die Erlebnisse sind unvergesslich, auch wenn die Zeitzeugen immer weniger werden.

Wesel wurde voller Hoffnung und Zuversicht wieder aufgebaut. Doch die Botschaft von damals bleibt: „Krieg kennt keine Gewinner.“ So müsse das Gedenken zugleich Mahnung sein, „friedvoll und toleranter miteinander zu leben“, so die Bürgermeisterin - und das weltweit.

Nach der Kranzniederlegung fand ein ökumenischer Gottesdienst im Willibrordi-Dom statt. Zeitzeugenberichte berührten. Rolf Oppenberg war acht Jahre alt. Er hatte neue Rollschuhe zu Weihnachten bekommen, die er auf der Schillstraße ausprobierte, als die Flugzeuge kamen. Es gelang ihm, schnell nach Hause in den Keller zu stürmen. Als er dort vom Luftdruck hin- und hergeschleudert wurde, verspürte er Todesangst. Im Vorgarten des Elternhauses fand man später ein Einschlagsloch - wie von einer Bombe, die nicht explodiert war. Vier Häuser blieben in seiner Straße übrig. Der kleine Rolf Oppenberg entging dem Schicksal vieler anderer.

Was den Menschen später Hoffnung gab? „Eine Vision des Friedens“, vermutet Pfarrer Stefan Sühling. Sichtbar wird dies am Fusternberg, wo aus einem Bunker die Friedenskirche entstand. Auch des Leids, das heute in der Ukraine, im Nahen Osten und in Afrika herrscht, wurde gedacht. Ein „Weg zur Annäherung für verfeindete Staaten“, lautete eine der Fürbitten. „Die diffuse Angst vor dem Islam ist unbegründet“, sagte der evangelische Pastor Albrecht Holthuis. Ihn sorge eher der Verlust christlicher Werte.