Eine Stadt der Sehenden

Rolf Pfaue kann mit Hilfsmitteln am Computer arbeiten, obwohl er als blind gilt. Er berät Sehbehinderte undkritisiert Stadtplaner.Fotos:Volker Herold
Rolf Pfaue kann mit Hilfsmitteln am Computer arbeiten, obwohl er als blind gilt. Er berät Sehbehinderte undkritisiert Stadtplaner.Fotos:Volker Herold
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Rolf Pfaue setzt sich für Blinde ein, deren Probleme oft ignoriert werden - Wesel ist voller Hindernisse

Wesel/Sonsbeck..  Rolf Pfaue bewegt sich sicher durch seine Wohnung in Sonsbeck, geht in den Keller voraus. Der Mann gilt seit 1985 als blind, davon lässt sich in den eigenen vier Wänden nichts ahnen. Pfaue setzt sich ein für Sehbehinderte und Blinde. Er ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins für den Kreis Wesel. Sein Schwerpunkt ist die Stadt Wesel und sie ist alles andere als für Sehbehinderte geeignet.

„Früher gab es am Berliner Tor eine Blindenampel. Aber den Anwohnern war das Getacker zu laut“, nennt er ein Beispiel. An der Bau- und Kreuzstraße werde der Druckknopf für die Aktivierung häufig von der Ampel abgeschlagen. „Ich habe darum gebeten, ihn tiefer zu befestigen. Dann würde aber der Mast instabil, hieß es.“ Widrigkeiten, mit denen Sehbehinderte im Alltag leben. Besonderes Ärgernis für den 73-Jährigen, der sich für die Belange der Blinden einsetzt, ist die neue Fußgängerzone. Nicht, dass der Verein vor dem Umbau nicht befragt worden wäre. Nur gehalten habe sich niemand daran. Um sich sicher orientieren zu können, benötigen Sehbehinderte ein weißes Rillenband. „An den modernen Blindenstöcken sind Rollen, wir können entlang des Bandes laufen“, erklärt Pfaue. Ein Band gibt es zwar, das Hanseband. Es ist dunkel und für den Blindenstock völlig ungeeignet. „Wenn Sie sich daran orientieren, laufen Sie gegen Laternen“, ärgert sich Pfaue, der unter Sehnervschwund leidet. Tatsächlich stehen einige Straßenleuchten genau auf dem Band. Viele Sehbehinderte können hell und dunkel noch von einander unterscheiden, doch in der Weseler City hilft ihnen das nicht.

Es sind die für Sehende selbstverständlichen Alltäglichkeiten, die den Blinden das Leben erschweren. Beispiel abgesenkte Bordsteinkanten: „Rollstuhlfahrer hätten sie gern völlig ebenerdig. Für uns ist es wichtig, dass sie mindestens noch zwei Zentimeter Höhenunterschied haben.“ Den kann der Stock noch ertasten. Es gibt Situationen, da ist es wichtig, als Blinder erkannt zu werden. Wenn Pfaue schwimmen geht, trägt er ein Blindensymbol auf der Badehaube – das vermeidet Konflikte.

Seit vielen Jahren ist er aktiv, doch die Sehbehinderten und Blinden organisieren sich kaum noch im Verein. „Es gibt im Kreis Wesel mehr als 400 Blinde“, erläutert Pfaue. Sein Verein hat 38 Mitglieder und die meisten sind bereits älter. Ohnehin hat sich die Erwartungshaltung an den Verein geändert. „Die Leute rufen hier an, um zu erfahren, wie sie an Blindengeld kommen“, sagt er. Dass nicht der Verein, sondern der Arzt für dieses Thema Ansprechpartner ist, mögen die meisten nicht einsehen. Ehefrau Rita nimmt häufig solche Gespräche entgegen. „Eine Frau verlangte, dass wir ihr eine Putzfrau schicken und konnte nicht verstehen, dass das nicht geht.“

Junge neue Mitglieder würden dem Verein gut tun, sind die Pfaues überzeugt. Sie müssten sich ja den Aktivitäten der „Alten“ nicht anschließen. „Sie könnten Sport treiben, Klettern, Rudern, im Tandem radeln – alles wäre möglich“, sagt Rolf Pfaue. Denn, Internet hin oder her: Gemeinsame Aktivitäten verlangen Organisationsaufwand und ganz handfeste, statt bloß virtueller Unterstützung. Kontakt zum Verein: 0 28 38/9 61 99.