Eine Kirche für 190 000 Goldmark

Pfarrer Klaus Honermann (links) und Hans Zelle vom Heimatverein Schermbeck führten durch die Ausstellung.
Pfarrer Klaus Honermann (links) und Hans Zelle vom Heimatverein Schermbeck führten durch die Ausstellung.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Zum großen Jubiläum hat Hans Zelle der Kirche im Namen des Heimat- und Geschichtsvereins ein ganz besonderes Geschenk gemacht: die Ausstellung „100 Jahre St. Ludgeruskirche“

Schermbeck..  Hans Zelle ist startklar. Die Augen blitzen, der engagierte Heimatforscher hat gründlich recherchiert. Seit November sichtete er Akten und Korrespondenzen in staatlichen und kirchlichen Archiven, sammelte die wenigen Fotos, die noch existieren und wertete alles aus. Jetzt steht er vor dem Ergebnis: Schautafel-Meter auf zwei Etagen des Schermbecker Heimatmuseums mit Abschriften alter Dokumente. Die wichtigsten Passagen hat er markiert, „für eilige Besucher“. Dazu gesellt sich Kirchenkunst; Heiligenfiguren, Andachtsbilder, ein Messpult, eine St.-Anna-Fahne, die früher die Frauen trugen. Geschichte und Geschichten sind das, die sich zur Ausstellung „100 Jahre St. Ludgeruskirche“ zusammenfügen und vom katholischen Gemeindeleben vergangener Tage berichten.

Es regnete durchs Dach

Auch Klaus Honermann, Pastor der St. Ludgeruskirche, war zur Eröffnung gekommen. Vertreter der Gemeinde hatten sich an den Recherchen beteiligt und hörten trotzdem gebannt zu, als Zelle die Geschichte der neu-romanischen Kirche erzählte. Etwa dass St. Ludgerus eigentlich größer geplant war, sogar größer als der Münsteraner Dom, was die Aufsichtsbehörden vermutlich deshalb ablehnten ...

Aber der Reihe nach. Seit 800 bereits steht eine Kirche an der Stelle, an der das heutige Gotteshaus 1915 errichtet wurde. Die Vorgängerkirche entstand 1841, war aber bald baufällig und überdies zu klein, nachdem die Katholiken von Schermbeck, Bricht und Overbeck mit den Gläubigen von Alt-Schermbeck in einer neuen Pfarrei zusammengefasst worden waren. Unter den Exponaten befindet sich ein Gutachten anno 1905. Ein Baumeister kritisierte den Zustand: Es regnete durchs Dach. Die Sakristei drohte zu rosten - es sei nicht auszuschließen, dass in Bälde ein Teil des Gebäudes einstürze. 1913 wurde der Abriss genehmigt.

Eine Zwischenlösung bot eine Notkirche zwischen dem heutigen Marienheim und der Lessingstraße. Ein Foto zeigt ein flaches Haus, das über eine ausgesprochen schlechte Heizung verfügt haben soll. Mit dem Neubau wurde Dombaumeister Ludwig Becker beauftragt. Als den kirchlichen und staatlichen Aufsichtsbehörden der erste Entwurf vorgelegt wurde, winkte man zunächst ab. Argument: Die Statik sei schlecht.

Viel teurer als geplant

Der Plan wurde überarbeitet, der neue Entwurf noch 1913 genehmigt. Veranschlagte Baukosten: 140 170 Goldmark. Rund 90 000 standen zur Verfügung, die übrige Summe sollte durch Kollekten und Spenden der Gläubigen zusammenkommen. Um den Betrag auf die heutige Zeit umzurechnen, müsste man ihn etwa 20 mal multiplizieren, schätzt Hans Zelle. Das wären dann rund drei Millionen Euro. Schritt für Schritt geht es durch die Geschichte. Vorbei an Fotografien vom Kirchenabriss, bei dem italienische Pioniere halfen. Der Blick fällt auf das Richtfest, dann auf die Endabrechnung, die alles in allem 191 564,06 Goldmark betrug.

Frauen links, Männer rechts

Das war eine Riesensumme, bei der auch die Gläubigen weit weniger helfen konnten als erhofft. Viele waren arm zu dieser Zeit. Schließlich flossen Darlehen in die Finanzierung. Am 21. Dezember 1915 wurde die Ludgeruskirche eingeweiht.

Zur Freude der Menschen. Rund 1400 Gläubige kamen damals in die Sonntagsgottesdienste, in denen man natürlich noch streng geordnet saß: Frauen links, Männer rechts. Zelle hat auch ein Inventarverzeichnis ausgestellt. Er grinst verschmitzt, „wenn sie wollen, können Sie ja mal gucken, was noch alles da ist.“

Im Zweiten Weltkrieg blieb die Kirche verschont. Allerdings barsten die Fenster, die man provisorisch mit Glas abdichtete. Erst 1954 wurden sie erneuert. Anekdoten berichten in diesem Zusammenhang vom Abbau des Hochaltars, der sich derart imposant erhob, dass man die schönen neuen Fenster vom Kirchenschiff aus nicht mehr sehen konnte. Er wurde verkleinert, ein Teil verbrannt, ein Teil an Privatleute abgegeben.

Soweit, so gut. Hans Zelle atmet durch. Er habe die Geschichten zum Vorschein gebracht, die hinter Zahlen und Bildern verborgen liegen, betonte Pastor Honermann. Oder wie sagte Rolf Blankenagel, als Vorsitzender des Heimat- und Geschichtsvereins Hans Zelles Nachfolger im Amt: „Das ist eine Arbeit, vor der wir den Hut ziehen müssen.“