Eine Anwältin der Natur

Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma

Wesel/Schermbeck..  Auch für das Osterfrühstück ist ein Kraut gewachsen. Jutta Becker-Ufermann geht elastisch in die Knie, zupft einen Grünling aus dem Gras. Große Blätter, ein hübsches Pflänzchen - und doch des Gärtners Feind. Sein wucherndes Wachstum hat dem Giersch im Laufe der Zeit einen schlechten Ruf beschert. Ungerecht ist das, unvernünftig obendrein. Der Giersch kann rheumatische Schmerzen lindern, er ist gesund und lecker, schmeckt in Suppe, Salat und Kräuterquark, und backt man mit ihm Brötchen, munden sie gleich doppelt gut. Man lernt einiges bei einem Besuch auf dem Hof Appelbongert am Rand des Schermbecker Dämmerwaldes.

Hier im Garten der Familie Becker-Ufermann ist die Welt in Ordnung. Hier dürfen angebliche Unkräuter einfach nur Wildkräuter sein, hier findet man auf Schritt und Tritt heilende, würzende, wohlschmeckende Gaben. Einiges ist schon „am Start“ sagt Jutta Becker-Ufermann. Gänseblümchen etwa, Wiesenkerbel und Scharbockskraut. Oder die Schafgarbe, die den Beinamen „Augenbraue der Venus“ trägt. Andere Kräuter werden jetzt auf der Fensterbank angezogen. Darunter Kresse, die die Schermbeckerin am 12. April mit zum Weseler „Tag rund ums Grün“ bringt. Am NRZ-Stand topft sie mit Kindern Samen ein und zeigt ihnen, wie daraus üppige Pflanzen werden. Sie sehen schön aus, darüber hinaus dienen die Blätter als wohlschmeckender Pfeffer-Ersatz.

Essen wächst nicht in Dosen

Wir sitzen in der Kräuterkammer, Jutta Becker-Ufermanns Zauberreich, ein gemütlicher Ort mit langem Tisch und einem alten Herd für 1001 Rezept. Dies ist der Lernort Appelbongert, hier hält die 53-Jährige ihre Seminare, von deren Qualität Urkunden hinter Glas erzählen. Becker-Ufermann ist nicht nur staatlich zertifizierte Kräuterpädagogin. Als Bildungsreferentin für nachhaltige Entwicklung setzt sie sich für den Erhalt und die Pflege der Ökosysteme und den weltweiten fairen Handel ein. Außerdem ist sie Kneipp-Mentorin und ausgebildeter Pilz-Coach. „Die Themen greifen ineinander“, sagt sie. „So kann man sie gut vermitteln.“ Nur die Abschlussprüfung zur Phytotherapeutin, die hat die dynamische, zupackende Frau noch vor sich. Dafür lässt sie sich Zeit. „Ab und zu braucht man eine Pause.“

Früher arbeitete Jutta Becker-Ufermann als diplomierte Grafikdesignerin. Für sie ist das kein Widerspruch. Schon als Kind mochte sie die Malerei und die Natur besonders gern. „Das sind Komponenten, die zueinander passen. Gerade die Natur bietet eine unglaubliche Vielfalt. Es gibt so viele Grüntöne, und jedes Blatt ist einzigartig.“ Die Neuorientierung kam mit ihrem ersten Kind. Damals wurde aus der Designerin eine Anwältin der Natur. Seither streitet Becker-Ufermann für mehr Respekt gegenüber der Schöpfung und für ein Bewusstsein, dass das Essen eben nicht in Dosen wächst. Sie erlebt da einiges. Kinder, denen man erst erklären muss, dass Lebensmittel nicht in Supermärkten gemacht werden und Erwachsene, die hier erst erfahren, dass es Spaß macht, sich für sein Essen ein bisschen anzustrengen, etwa durch das Sammeln und Zubereiten von Kräutern.

Den Dämmerwalder Hof hat sie 2006 von ihren Eltern übernommen. Er ist zum Teil verpachtet und an Feriengäste vermietet. Es gibt einen Wohnbereich, eine Streuobstwiese und natürlich jede Menge Kräuter. Ein Platz zum Wohlfühlen, an dem die Fachfrau unterrichtet, aber auch Seminare und Themenwanderungen vorbereitet.

Ostermontag steht ein Wildkräuter-Osterspaziergang auf Gut Esselt auf dem Programm. Dafür will Jutta Becker-Ufermann eine grüne Sauce vorbereiten, die gut zu Eiern und Eierspeisen schmeckt. Zutaten sind Hirtentäschelkraut, Petersilie, Pimpernelle, Löwenzahn, Brennnessel und Scharbockskraut. Handgesammelt, Ehrensache.

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