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Ein Spiel mit der Schwerkraft

22.12.2011 | 17:07 Uhr
Ein Spiel mit der Schwerkraft
Kugelbahn aus Resten vom Hausbau. Foto : Markus Weißenfels / WAZ FotoPool

Wesel.Den Künstler Jürgen Radojewski interessiert die Bewegung. Er arbeitet mit Fundholz und baut daraus Kugelbahnen.

Er bewegt sich viel, wenn er über seine Arbeit spricht. Selbst, wenn er die Hände der Kälte wegen in den Jackentaschen vergräbt. Er ist nicht hektisch, wirkt aber umtriebig. Er zeigt seine Skulpturen und erzählt über seine Mosaike, die überall in das Wohnhaus seiner Patchwork-Familie in Obrighoven eingearbeitet sind. Dann bleibt sein Blick hängen an einem Stück Holz, einem mannshohen, verzweigten Ast, der auf der Terrasse steht. „Der Katzenbaum“, sagt er, als gerade die Hauskatze daran hochspringt. „Auch aus Treibholz.“

Jürgen Radojewski, der mit seiner Frau und fünf Kindern in dem Haus in Obrighoven wohnt, hat den Ast als Schwemmholz am Rheinufer gefunden – und ihm eine neue Funktion zugedacht. Das macht er ständig. Er spricht mit Begeisterung über kinetische Kunst und mit Respekt über deren Vertreter wie Jean Tinguely. Es ist die Bewegung, die Radojewski interessiert. Tinguely ließ die Bewegung in seinen Werken aus Motoren entstehen, die alle möglichen Teile seiner komplexen Konstruktionen antreiben.

Radojewski spielt mit der Schwerkraft. Dass die Katze mitspielt, der Ast nicht achtlos auf der Terrasse steht, freut ihn. Er muss lachen. Der gefundene tote Ast ist wieder Teil des Lebens, Teil der Kinetik.

Ein Zwischending

Der 56-jährige Künstler, der sowohl Musiker wie Maler ist, baut aus Altmaterialien Kugelbahnen. „Man kann fragen: Was hat das mit Kunst zu tun?“, sagt er. Denn eigentlich konstruiert er ein Kinderspielzeug. „Aber das ist so ein Zwischending.“ Kreativität ergebe sich aus dem Spielbetrieb, erklärt er. Seine erste Bahn hat er als reines Spielzeug gebaut. Vor über 30 Jahren, für das Kind einer Freundin.

In einer Ecke seiner Terrasse hat Radojewski aus Dachrinnen, Ziegelsteinen oder Ofenblechen eine Kugelbahn gebaut; verziert mit Mosaiken und Figuren. Die Murmeln aus Glas oder Edelsteinen, die er oben loslässt, benötigen beinahe eine Minute, um über zehn Etagen nach unten auf den Terrassenboden zu rollen.

Die unterschiedlichen Materialien der Kugeln lassen sie unterschiedlich schnell rollen, sie überholen sich gegenseitig. „Da ist Spannung drin“, sagt Radojewski. „Und Fantasie“. Er hat auch eine Abkürzung eingebaut - für die langsamen Murmeln. Die schnellen schießen an der Abbiegung vorbei. Radojewskis Favorit ist ein Sodalith: „Der ist immer vorne dabei.“ Im Ziel sitzt die Katze und wartet auf den Sieger des Kugelrennens.

Holz gibt den Verlauf vor

So sehr die Kugelbahn auf Radojewskis Terrasse für Bewegung steht - beweglich ist sie nicht. Also hat der Künstler tragbare Bahnen gebaut. Aus 80 Zentimeter langen, am Rheinufer angeschwemmten Baumstammteilen hat er mit Stechbeitel, Feile und Bohrer Kugelbahnen erschaffen. Aus einem einzigen Stück Holz, in das er Tunnel und Steilkurven eingearbeitet hat. „Man kann es dem Holz nicht aufzwingen“, erklärt er. Dessen Form gibt den Verlauf der Bahn vor.

Eine der Bahnen hat noch eine Schwachstelle: Es ist stets die gleiche Kurve, in der Murmeln manchmal rausfliegen. „Es ist wichtig zu scheitern“, sagt Radojewski dazu. „Man muss einen Lernprozess erleben, um eine Vorstellung davon zu haben, wie es klappen könnte.“ Dann dreht er sich um. Der Künstler sieht in den Garten. Er hatte da mal eine Idee, erzählt er: Eine Kugelbahn ums Haus, von der Terrasse zum Teich. Viele Möglichkeiten zum Scheitern, viel Platz für Bewegung.

Florian Bickmeyer

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