Ein guter Tag zur Einsicht

Beim Aktionstag von Mensch zu Mensch konnte man einen Rollstuhlparcours ausprobieren, um die Arbeit mit einem Rollstuhl nachzuempfinden.
Beim Aktionstag von Mensch zu Mensch konnte man einen Rollstuhlparcours ausprobieren, um die Arbeit mit einem Rollstuhl nachzuempfinden.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Der Aktionstag „Von Mensch zu Mensch“ in Wesel stieß auf große und positive Resonanz.

Wesel..  Die Stufe vor dem Geschäft, Kopfsteinpflaster als nette Auflockerung in Fußgängerzonen oder die nicht ganz abgesenkte Bordsteinkante: Was die meisten von uns allenfalls unterbewusst wahrnehmen, stellt für Menschen mit Behinderung ein schwer oder gar nicht zu überwindendes Hindernis dar. Mit dem Aktionstag „Von Mensch zu Mensch“, der am Samstag rund um das Berliner Tor stattfand, wollte die Wesel-Marketing GmbH in Kooperation mit dem „Kreis der Behinderten und ihre Freunde“ auf diese Problematik aufmerksam machen, den Dialog fördern und vor allem Barrieren im Kopf abbauen. Fiel die erste Veranstaltung vor drei Jahren bei strömendem Regen buchstäblich ins Wasser, war der Zulauf an diesem Samstag groß. Insgesamt 24 Teilnehmer hatten ihre Infostände aufgebaut, dazu sorgte die integrative Rockband „FUD’iES“ der Lebenshilfe Dinslaken e.V. für die musikalische Unterhaltung.

Einen Einblick in die Welt der Rollstuhlfahrer ermöglichte der Behinderten- und Rehabilitationssportverband NRW (BRSNW). Mit Rollstühlen durften Besucher über einen Parcours fahren, der die unterschiedlichen Hindernisse des Alltags simulierte. „Von den Sanitätshäusern bekommen Rollstuhlfahrer zwar eine Einweisung, aber kein Training. Das heißt, sie werden mit ihren Problemen alleine gelassen“, erklärt Axel Görgens von BRSNW. Eine abgesenkte Bordsteinkante mit einer „Resthöhe“ von zwei Zentimetern etwa ist nur auf zwei Rädern zu meistern. Auf einer Turnmatte lernen die Teilnehmer, ihr Gefährt dementsprechend zu balancieren. „Das ist die Königsklasse des Rolli Fahrens“, sagt Görgens, der mit Aktionen wie dieser sensibilisieren, aber auch zeigen möchte, dass Rolli fahren durchaus Spaß machen kann.

Rollstuhlfahrer müssen sich aber nicht nur mit den Verhältnissen unter ihren Rädern arrangieren, sondern verfügen zudem über eine andere Sichtweise. Darauf machte Grünen-Fraktionssprecher Ulrich Gorris am Infostand des Integrationsrates der Stadt aufmerksam: „Für Rollstuhlfahrer ist es fast unmöglich, die Fahrpläne an den Bushaltestellen zu lesen, weil die viel zu hoch hängen.“ Abhilfe könnten elektronische Anzeigen schaffen. Gespräche mit den Verkehrsbetrieben laufen, gestalten sich jedoch aufgrund der erforderlichen Investitionen als sehr schwierig.

Immer wieder wird von den Teilnehmern betont, dass Wesel in Sachen Barrierefreiheit im Vergleich mit anderen Kommunen sehr gut aufgestellt ist. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es aber immer, eine davon betrifft die Anbindung des ÖPNV an die Rheinpromenade. „Die Promenade ist wirklich hervorragend geworden, aber gerade Senioren und Menschen mit einer Beeinträchtigung haben keine Möglichkeit, dorthin zu kommen“, bedauert Willi Dreßen vom Seniorenbeirat der Hansestadt.

Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die das Leben mit einem Handicap erleichtern können. Hinweistafeln auf behindertengerechte Zugänge nutzen etwa Menschen mit einer Lese- und Schreibschwäche meist wenig. „Wir wünschen uns, dass dort eindeutig erkennbare Piktogramme angebracht werden“, erläutert Ole Engfeld von der Lebenshilfe Unterer Niederrhein. Mit Rollstuhlführungen durch die Innenstadt machte der Verein an diesem Tag auf weitere Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam.