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Historische Rathäuser

Ein Fleischhaus mit Sitzungssaal

26.02.2016 | 19:00 Uhr
Ein Fleischhaus mit Sitzungssaal
Diese Skizze zeigt, wie das erste Weseler Rathaus ausgesehen haben könnte.Foto: Stadtarchiv Wesel

Wesel.  Die NRZ stellt nach und nach alle Rathäuser in der Weseler Stadtgeschichte vor.

Ein Rathaus im Obergeschoss eines Geschäftshauses? Während unten in der Metzgerei Fleisch verkauft wird, werden im Obergeschoss wichtige Entscheidungen für die Stadt gefällt? Kaum vorstellbar irgendwie, aber so in etwa muss der Alltag in Wesels erstem Rathaus ausgesehen haben. Denn das gotische Rathaus am Großen Markt und das am Mathena-Kreuz – dort, wo heute der Kaufhof steht – waren nicht die einzigen beiden Häuser, in denen der Weseler Rat tagte, bevor er an den Klever-Tor-Platz zog. Wie berichtet, hat das Stadtarchiv die Geschichte der „Vier Rathäuser“ in einem Buch veröffentlicht. Auch die NRZ möchte sich diesem spannenden Thema der Weseler Stadtgeschichte widmen und die Häuser einzeln vorstellen.

In den Stadtrechnungen gibt es bis 1389 keine Hinweise auf die Existenz eines städtischen Rathauses. Ab 1377 mietete die Stadt Privathäuser an, in denen der Rat tagte, bevor es 1384 den Entschluss gab, ein Fleischhaus auf dem Großen Markt zu bauen. Neuneinhalb Meter breit war die Halle, die quasi parallel zur heutigen Trappzeile stand. 19 Meter lang und mit einem Holzdach. Drei Jahre nach der Errichtung begann der Ausbau, das Rathaus wurde oben auf das Fleischhaus aufgesetzt.

Wie genau das Rathaus aussah, kann heute niemand sagen. Hinweise gibt es aber. So hatte das Gebäude ein Walmdach, das mit Schiefer gedeckt wurde. An der westlichen Stirnseite gab es einen Schornstein, in der Ratskammer einen Herd aus Lehm. Über eine Treppe gelangte man in das Haus. Um in den Ratssaal zu kommen, musste man durch das Fleischhaus. Oben saßen die Ratsherren immer zu zweit auf Sitzbänken, die mit Lederkissen gepolstert waren.

Fassade an der Südseite

Anfangs war der Bau schlicht und schmucklos, das änderte sich ab 1396, als ein Steinmetz eine repräsentative Schaufassade an der Südseite gestaltete. Die Arbeiten waren aufwendig, teils musste das Dach abgetragen werden. Der Aufgang wurde nach außen verlegt und überwölbt. Wesentliche Elemente der Fassade waren zwei Türme, zwei gehauene Erker sowie vier Statuen mit Figurentabernakeln. Auch einen überdachten Brunnen gab es. 1397 war die Fassade komplett verputzt, anschließend wurde sie bemalt. Im gleichen und darauffolgenden Jahr wurden an den äußeren Längsseiten Brunnen gelegt.

1988 fanden Arbeiter bei Grabungen auf dem Großen Markt Steine, die möglicherweise das Fundament eines Turmes oder Reste eines Brunnens sein könnten. Andere Teile des Fleisch- und Rathauses wurden definitiv weiter genutzt, nachdem 1455 der Entschluss gefasst worden war, das Haus abzureißen und ein neues Rathaus zu bauen. Das Mauerwerk wurde abgetragen, gesäubert und wiederverwertet, zum Teil beispielsweise im Kirchenbau. Eisen und Holz wurden verkauft, der Dachschiefer für das neue Rathaus verwendet. Den Standort des ersten Rathauses ebneten Arbeiter ein und richteten ihn als Straße her.

Erhalten wurden eine Wetterfahne, die vier Figuren, die am Fischmarkt einen Platz fanden, und ein Inschriftbalken, der im zweiten Rathaus aufgehängt wurde und für Verwirrung sorgte. Denn die Geschichtsschreiber des 17. und 18. Jahrhunderts, Ewichius und Gantesweiler, wussten nicht um das Fleischhaus und datierten das jüngere Rathaus fälschlicherweise auf 1390.

Witzig übrigens, die Inschrift des Balkens: „Erbaut im Jahre 1390. Das Rathaus wird dem, der damit zu tun hat, Sorgen bereiten. Der, der nichts mit dem Rathaus zu tun hat, lebt ruhig. Erneuert im Jahr 1683.“

Für den Bau der Fassade beauftragte die Stadt seinerzeit Meister Gelis, der auch als Kirchbaumeister in Wesel tätig war. Wer sich hinter Meister Gelis verbirgt, ist bis heute unbekannt. In der Stadt ist er aber noch heute präsent: durch die Gelißstraße.

Das Buch „Vier Rathäuser“ kostet 15 Euro. Es ist im Buchhandel, bei der Stadtinformation am Großen Markt und im Stadtarchiv Wesel, an der Zitadelle, erhältlich. Auch im Online-Shop kann es bestellt werden. Infos dazu unter www.wesel.de.

Gabi Kowalczik

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Ein Fleischhaus mit Sitzungssaal
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2016-02-26 19:00
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