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Ein Dorf kämpfte für sein Bad

12.01.2016 | 17:49 Uhr
Ein Dorf kämpfte für sein Bad
Heute ist das Freibad ein Beispiel für Energieeffizienz - und dafür, was Protest bewegen kann.Foto: Markus Joosten

Hamminkeln.   Jetzt wird die Geschichte des Dingdener Freibads beispielhaftes Kapitelin einem Buch über die Menschen hinter der Energiewende

Dass die Geschichte des Dingdener Freibades ein gelungenes Beispiel für erfolgreichen Bürgerprotest ist, wissen allenfalls noch alteingesessene Hamminkelner. Das könnte sich aber ändern. Die Entwicklung des Schwimmbades von einem finanziellen Pflegefall bis hin zu einem umweltfreundlichen Erfolgsprojekt soll Teil eines Buches werden.

Als Nebenstudie des Projektes „Energiewende Ruhr“, mit dem die Essener Mercator-Stiftung die Rahmenbedingungen zur Energiewende im Ruhrgebiet beleuchten möchte, hat das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen die menschliche Komponente hinter den technischen Abläufen bearbeitet. 15 Geschichten sind so entstanden, die bis Ende dieses Jahres zu einem Buch gebunden werden sollen.

„Wir haben Menschen gesucht, die sich mit der Energiewende auseinandergesetzt haben – ob nun bewusst oder unbewusst“, sagt Sandra Schmitz, die als Mitarbeiterin des Institutes die Dingender Geschichte aufgeschrieben hat. Unter dem Oberbegriff „Akteure des Wandels“ haben Schmitz und ihre Kollegen im gesamten Ruhrgebiet und an seinen Rändern Frauen und Männer gesucht und begleitet, die mit ihren Handlungen etwas Positives für die Umwelt bewirkt haben.

Vier Monate Recherche

Im Dingdener Fall sind das Gerlinde Bleise, Ulla Terörde und Helmut Wisniewski. Anhand dieser drei „Akteure“, die exemplarisch für alle Mitstreiter stehen sollen, beleuchtet Sandra Schmitz die Geschichte des Bades.

Vier Monate hat sie recherchiert, vor Ort mit allen dreien gesprochen und so auf insgesamt 16 DIN-A-4-Seiten eine interessante Studie über eine Entwicklung vorgelegt, die 1964 mit dem Bau des Bades beginnt, im Jahr 2000 mit der Protestbewegung ihren Höhepunkt erreicht und schließlich mit der Errichtung von Photovoltaikanlagen auf den Dachflächen des Freibades und fünf weiteren Dächern städtischer Gebäude den Weg zur wirtschaftlichen und energetischen Teilautarkie nimmt.

380 000 Mark investiert die damals noch selbstständige Gemeinde Dingden 1964 in den Bau eines Freibades - „zur körperlichen Ertüchtigung der Jugend“, wie Sandra Schmitz recherchiert hat. 1500 Badegäste seien bereits am ersten Tag zur Krechtinger Straße gekommen, am Ende der ersten Saison seien es 45 000 Schwimmer gewesen.

Die Besucherzahlen blieben auch in den Folgejahren hoch. Relativ schnell kommt Schmitz dann zum Sanierungsstau, der sich bis zum Jahr 1994 auf eine Summe von 2,8 Millionen D-Mark beläuft, und schließlich zum großen Knall im Jahr 2000, der Gerlinde Bleise auf den Plan ruft. Damals bleiben die Tore des Freibades nämlich aufgrund der schwierigen Finanzlage der Stadt vorerst geschlossen. Statt bereits im Mai, möchte die Verwaltung das Bad erst in den Sommerferien öffnen. Manche Politiker im Rat liebäugeln gar mit der kompletten Schließung.

In den Augen vieler Bürger ist das eine Ignoranz, die sie sich nicht gefallen lassen wollen. Im Gespräch mit Sandra Schmitz erzählt Gerlinde Bleise von ihrem Antrieb, aktiv zu werden. „Die können uns das Bad doch nicht wegnehmen“, habe sie gedacht. Die Mutter zweier Töchter stellt einen Bürgerantrag, in dem sie die Ausweitung der Öffnungszeiten fordert, eine weitere Mutter sammelt parallel dazu 1700 Unterschriften. Eine Symbiose, die große Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber nicht erfolgreich ist. Der Rat stimmt gegen die Ausweitung der Öffnungszeiten. Nur die USD ist dafür.

Sandra Schmitz beschreibt anschaulich, wie sich der Protest ausweitet, wie sich Bürger in Arbeitsgruppen zusammentun und erstmals über einen Förderverein nachdenken. Im August 2000 wird der Freibad-Verein Dingden gegründet. Gerlinde Bleise wird Zweite Vorsitzende, während der Chef der USD-Fraktion im Rat, Helmut Wisniewski, den Vorsitz übernimmt. Nach zwei Jahren übernimmt Ulla Terörde den Posten von Bleise.

Schmitz nimmt sich Zeit, stellt die drei Hauptpersonen und ihren Antrieb vor und zeigt auf, wie beiläufig sich Verein und Freibad zu Vorreitern in Sachen energetischer Autarkie entwickeln. Unter Helmut Wisniewskis Federführung werden sechs Photovoltaikanlagen installiert, auf verschiedenen Dächern und mit unterschiedlichen Leistungen.

Ein Verein, der zunächst nur entstanden ist, um ein Freibad zu retten, hat sich schleichend - und eher beiläufig - zu einem engagierten Verfechter der Energiewende gemausert. Und ist dadurch zu einem beispielhaften „Akteur des Wandels“ geworden.

Philipp Ortmann

Kommentare
13.01.2016
14:43
Ein Dorf kämpfte für sein Bad
von Suomitroll | #1

wo, wie , was "Energiewende" ? Die muss an mir vorbeigegangen sein!

Diese Verschmelzung passt auch m.E. nicht zum darüber hinaus löblichen Einsatz...
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2016-01-12 17:49
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