Die Welt in Loth, Gramm, Elle und Fuß

Eine Laufgewichtwaage aus dem Jahr 1790. „Achten Sie auf das gespiegelte Kontergewicht“, sagt Dirk Schmitz - der Sammler liebt Waagen und hat einen Blick für ihre Schönheit.
Eine Laufgewichtwaage aus dem Jahr 1790. „Achten Sie auf das gespiegelte Kontergewicht“, sagt Dirk Schmitz - der Sammler liebt Waagen und hat einen Blick für ihre Schönheit.
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Was wir bereits wissen
Sammler Dirk Schmitz zeigt im Bislicher Heimatmuseum seine ungewöhnlichen Exponate. Ein Wirrwar unterschiedlicher Maßeinheiten machte Händlern das Leben schwer.

Wesel..  Kaum vorstellbar, wie die Hanse überhaupt Handel treiben konnte, wie ein internationaler Warenfluss in früheren Jahrhunderten möglich war. Jedes Land, in Deutschland sogar jedes Fürstentum, hatte eigene Gewichte und Maßeinheiten. Dirk Schmitz weiß genau, wie das funktioniert hat. Der Mann sammelt Waagen. Und Gewichte und Ellen, Messgefäße. Heute, da ist alles genormt, und zwar weltweit. Wie langweilig. Da waren die früheren Zeiten deutlich bunter. Wie bunt, das zeigt bis zum 27. September die Sammlung von Dirk Schmitz im Bislicher Heimatmuseum.

Jeder mit eigenen Maßen

So wog ein Cölner Pfund exakt 467,711 Gramm, es war in 32 Loth unterteilt. Ach ja, ein Wiener Pfund, gültig in der gesamten K und K Monarchie, wog 560 Gramm und in Sachsen gab es gleichzeitig ein Pfund Kramergewicht (467,5 Gramm) und ein Pfund Fleischergewicht (503,8 Gramm).

Dirk Schmitz guckt auf die regionalen Eigenheiten, H Janssen Eichmeister Wesel ist auf einem Gewicht zu lesen, das sich zumindest soweit datieren lässt: Es muss vor 1911 hergestellt worden sein. Eine Vitrine zeigt ausschließlich Berliner Gewichte, „in der Art werden Sie das in keinem Berliner Museum finden“, sagt Schmitz. Sammlerstolz pur. Jedes dieser Gewichte zeigt den Berliner Bären und ist aus der Zeit vor 1816. Ein Rathaus-Gewicht der Hansestadt Riga von 1786 gehört ebenfalls zur Sammlung. Wie viele Exponate der 76-Jährige in den vergangenen Jahrzehnten zusammengetragen hat, kann er nicht sagen. Bis zum September zeigt er seine schönsten Schätze im Bislicher Heimatmuseum. Die Messtechniken der Geschichte sind eine komplizierte Materie, doch Schmitz weiß auf fast alle Fragen eine Antwort.

Bislichs Museumsleiter Peter von Bein teilt die Begeisterung des Sammlers. „Das ist einfach eine fantastische Sammlung und sie kommt aus Wesel“, sagt er. Die Exponate werden bis zum 27. September zu sehen sein. So lange? „Wenige Wochen würden keinen Sinn machen“, sind sich von Bein und Schmitz einig.

Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich dieser Ausstellung zu nähern. Hineinschauen, staunen, die handwerkliche Schönheit einiger Waagen bewundern. Oder auch die riesigen Gewichte, die die Händler mit zum Markt schleppen mussten, bestaunen. Das wäre eine Möglichkeit, die wohl zahlreiche Museumsbesucher wählen werden. Wer es aber genauer wissen will, findet hier genügend Stoff und Erklärungen, die Materie zu erforschen und zu begreifen. Texte erklären, was der Betrachter vor sich hat.

Französische Neuerungen

Übrigens waren die Franzosen nach der Revolution diejenigen, die als erste einheitliche Maße und Gewichte einführten - nicht mehr nach dem König benannt und geeicht, sondern mit Standards aus der Natur. Ganz einfach waren die nicht: So legten die Franzosen nach dem Gesetz vom 10. Dezember 1799 die Länge des Meters als zehnmillionster Teil des Erdmeridianbogens zwischen Nordpol und Äquator fest. Das Kilogramm war das Gewicht von einem Kubikdezimeter destillierten Wassers bei vier Grad Celsius. Alles klar? Wer es genau verstehen will, wird mehrfach in die Ausstellung kommen müssen.

Sammler Dirk Schmitz kam 1972 im Urlaub auf den Geschmack. Mit Ehefrau Hanne war er an der Ostsee und die Ferienwohnung schmückte eine Reihe von Gewichten. „Der Vermieter war Kerzendesigner für eine Hamburger Fabrik und hat die Gewichte als Modelle für seine Kerzen benutzt“, erklärt Dirk Schmitz. Eine Leidenschaft war geboren.

Und Sammler sind immer auch Jäger. Da waren beispielsweise diese angeblichen Puppengewichte, die im Internet angeboten wurden. Drei fielen dem geschulten Auge auf, sie waren eckig. „Ich habe die Frau angerufen und sie gefragt, was sie auf der Seite sehe“, erinnert sich Schmitz. „Da ist eine Fliege“, sagte sie. „Da war mir klar: Der preußische Adler...“ Die kleinen Gewichte sind seltene Originale.