Die Wahl, die Windkraft und ein Wolfshund

Noch-CDU-Chef Christian Hötting (r.) gratuliert Mike Rexforth zur Bürgermeisterwahl.
Noch-CDU-Chef Christian Hötting (r.) gratuliert Mike Rexforth zur Bürgermeisterwahl.
Foto: WAZ FotoPool / Gerd Hermann
Was wir bereits wissen
Die Wahl, die Windkraft und ein Wolfshund. Für die Gemeinde Schermbeck geht ein ruhiges Jahr 2014 zu Ende. Dennoch verlangte es vielen Bürgern eine Menge Einsatz ab. Ein Rückblick auf Menschen, ein Tier und ganz alltägliche Helden

Schermbeck..  Wäre das Jahr 2014 ein Mensch, wäre es ein ruhiger Zeitgenosse. Es wäre zurückhaltend, allenfalls leise fordernd. Schermbeck und seine Ortsteile jedenfalls feierten die Feste, wie sie fielen - darunter nach langer Pause das Trachtenschützenfest in Üfte-Overbeck oder zuletzt die „schöne, alte Weihnachtszeit“ auf der Mittelstraße. Vielen Bürgern jedoch verlangte 2014 bei aller Ausgeglichenheit eine Menge Einsatz ab, vor und hinter den Kulissen. Eine Rückschau.

Sie beginnt mit einem Altgedienten: Zehn Jahre war Ernst-Christoph Grüter Schermbecks Bürgermeister. Vor der Kommunalwahl im Mai nimmt der CDU-Politiker freiwillig den Hut. Im Januar erinnert er noch einmal öffentlichkeitswirksam an Projekte wie die Lippequerung, das Spielplatz- und Klimakonzept, hebt die Bedeutung von Fördergeldern wie der Regionale und Leader hervor. Doch dazu später...

Erst steht ein tierischer Protagonist im Mittelpunkt. Ein solches Polizeiaufgebot wie im März hat die Gemeinde selten erlebt. Verantwortlich: ein kaukasischer Wolfshund, ein 60-Kilo-Weibchen namens Alinka, das seinem Besitzer entlaufen ist. Die schwergewichtige Hundedame soll einen ausgeprägten Schutzinstinkt haben, warnt die Polizei. Es gelte, Abstand zu halten! Die Aktion wird zur Stecknadel-Suche im Heuhaufen. Das Tier legt viele Kilometer am Tag zurück. Am Ende wird es tot aufgefunden.

Eine Motte am Mühlenbach

Im selben Monat gerät Schermbeck in den Blick der Spezialisten des Rheinischen Amts für Bodendenkmalpflege. Auf Luftbildern entdecken sie, dass sich im Baugebiet am Mühlenbach ein Bodendenkmal befinden könnte - die Überreste einer Motte oder Turmhügelburg. Der Verdacht bestätigt sich. Später die Entwarnung: Die Arbeiten dürfen weitergehen, nur bei den Kellern gibt es Einschränkungen. Seither entstehen am Mühlenbach die neuen Häuser. Im April folgt eine weitere, allgemeine Entschleunigung. Die B58 wird saniert. Die Autofahrer müssen warten. Inzwischen kann der Verkehr wieder rollen.

Derweil ist der Wahlkampf in vollem Gange. Es gibt den üblichen Schlagabtausch. Das Bündnis „Bürger für Bürger“ (BfB) teilt Richtung SPD aus, sie habe das alte Wahlprogramm abgeschrieben. Die SPD nennt das an der Mittelstraße von der CDU als Wahlkampfbüro bezogene Ladenlokal gallig „Stimmen-Boutique“. Bei der Wahl punktet CDU-Kandidat Mike Rexforth mit 57,2 Prozent. Schermbecks bisheriger Kämmerer überholt damit Ralph Brodel von der SPD und BfB-Mann Klaus Roth.

Mit der Stimme des neuen Bürgermeisters bleibt es für die Union bei der absoluten Mehrheit. Weniger glücklich dürfte die CDU auf die Kandidatenkür für die Grüter-Nachfolge zurückschauen. Der zur Überraschung der Öffentlichkeit präsentierte Bewerber Jan Kleinlosen zieht sich schnell wieder zurück, auch aus der Partei; Mike Rexforth wird nachnominiert. Inzwischen hat auch er erste unangenehme Schlagzeilen hinter sich: Kürzlich kaufte die Gemeinde ein Grundstück am Scherenbach für ein Vielfaches des ursprüngliches Preises, weil es im Abwasserkonzept eine wichtige Rolle spielt. Besitzer: Mike Rexforths Bruder.

Der neue Bürgermeister packt vieles an. In wenigen Monaten strukturiert er die Verwaltung um, der Bauhof soll effektiver arbeiten. Beides wird der Bürger merken. Ebenso, dass sich das Umfeld des Rathauses langfristig gepflegter präsentieren wird - und dabei weniger kosten soll: Im September verschwindet der Wildwuchs vor den Amtsstuben. Der Bereich dient als Test. Denn auch wenn der ausgeglichene Haushalt 2020 kommen könnte, wie der neue Kämmerer Frank Hindricksen ankündigt - vor wenigen Jahren war dieser bereits für 2016 angepeilt. Geld ist also weiter knapp in der Gemeindekasse.

Wo bleibt der politische Nachwuchs?

Eine Folge: Das Ehrenamt bleibt unverzichtbarer Pfeiler der Kommune; die drei Löschzüge der Feuerwehr, der Trägerverein des Hallenbades und das Netzwerk sowie der Bürgertreff seien als Beispiele genannt. Und die Bücherei. Auch hier arbeiten jetzt freiwillige Helfer. Im Dezember wird er stellvertretend für viele ausgezeichnet: Karl Westerhuis aus Weselerwald, 76, in Vereinen und Nachbarschaftsberatung tätig. Er erhält die Schermbecker Ehrenamts-Medaille und sorgt mit vielen Gästen und seiner liebenswerten, humorvollen Art für eine besondere letzte Ratssitzung vor Weihnachten. Der Preisträger selbst wundert sich über den Rummel: „Ein Preis für Selbstverständlichkeiten!?“

Auch andere Menschen bleiben in Erinnerung. Die Gemeinde nimmt Abschied von Hans Heckermann, Gründer des Heimatvereins Gahlen, der 90-jährig verstirbt. CDU-Chef Christian Hötting zieht für die Liebe nach Mannheim. Und dann ist da Brigitte Straus, Mitbegründerin der USWG. Die Unabhängigen lösen sich nach 25 Jahren wegen Überalterung auf. Das Rest-Guthaben von 8600 Euro überreicht Straus der Gesamtschule - gebunden an Projekte, die junge Leute für Kommunalpolitik interessieren sollen. Forscher-Urgestein Hans Zelle gibt nach 27 Jahren den Vorsitz des Heimatvereins ab, um Platz zu machen für Jüngere. Stephan und Barbara Kollmer schließen die Georgsapotheke, die es gut 127 Jahre in Schermbeck gegeben hat.

Zwei neue Kernzonen für Windkraft

Einiges stößt das Jahr an, vieles lässt es in der Schwebe. Das Spielplatzkonzept wird die Gemeinde noch länger beschäftigen, erste Ergebnisse des beauftragten Büros liegen vor. Was das Quartiersmanagement betrifft, diskutiert bald eine interfraktionelle Arbeitsgruppe. Und für die Windenergie wurden zwei Kernzonen ausgewiesen; am Rüster Weg nahe der Stadtgrenze zu Dorsten und am Lühlerheim. Schon bringt die Bürgerinitiative Wachtenbrink seltene Tierarten ins Spiel. Ein ebenfalls in Rüste geplantes Windrad wird 2014 quasi abgeblasen. Hier drohen die Rotorblätter 18 Meter über die Grenzen der Konzentrationsfläche hinaus zu ragen.

Was aus der Lippequerung zwischen dem Ortskern und Gahlen, einem Projekt der Regionale 2016, wird, bleibt abzuwarten. In Runde zwei fällt es fürs erste aus dem Rennen um die finanzielle Unterstützung. Unabhängig vom Sinn der Idee: Die örtlichen Beteiligten sollten sich gut überlegen, ob sie weiteres Geld dafür ausgeben wollen. Zweifel an der Realisierbarkeit der Querung sind angebracht, geben Kritiker zu Bedenken.

Wenn morgen um Mitternacht die Sektkorken knallen, gibt’s also Stoff zum Nachdenken. Und zum Pläne schmieden. Etwa für das 100. Jubiläum der Ludgeruskirche 2015. Auf ein gutes Neues!