Das aktuelle Wetter Wesel 14°C
Vereinsleben

Die Sparfüchse aus Drevenack

08.02.2012 | 18:21 Uhr
Die Sparfüchse aus Drevenack
Hier wird ein 20 Euroschein in den Sparkasten gesteckt. Fotos: Markus Weißenfels

Hünxe.   Seit 1956 legt ein Club in der Kneipe „Alt Peddenberg“ Geld zur Seite. Gesammelt werden die Scheine in einem Kasten.

Die Wahnsinnszinsen, die es für das Guthaben von der Bank gibt, sind es nicht, die jede Woche die Vereinsmitglieder in die Kneipe locken, um dann den Kasten, der neben dem Tresen an der Wand hängt, mit Münzen oder Scheinen zu füttern. Sparclubs gibt es seit Jahrzehnten. Und auch heute, wo viele auf die Aktienkurse schauen, auf den großen Gewinn hoffen, bleiben die Fächer nicht leer. Jedenfalls in Drevenack ist das so. In der Gaststätte an der Hünxer Straße ist ein Sparclub seit vielen Jahren beheimatet. Und er heißt wie die Kneipe: „Alt Peddenberg“.

Beim Bierchen den Sparkasten gefüttert

Uwe Clemens ist schon lange dabei. Auf der jüngsten Versammlung wurde er zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Vor 36 Jahren ist er nach Drevenack gezogen. Damals hatte der Ort rund 1000 Einwohner. Was macht man, wenn man neu in einem Ort ist? „Um Kontakte zu knüpfen, geht man in die Kneipe, in den Schützenverein und in den Sportverein. Bei einem Kneipenbesuch wurde ich angesprochen, ob ich nicht in den Sparclub eintreten wollte. Ich wollte“, erzählt er.

Uwe Clemens hängt den Sparkasten in der Gaststätte Alt Peddenberg ab.

Den Sparclub gibt es seit 1956. In den ersten Jahren hieß die Gaststätte noch „Zum Bahnhof“. Seit 1975 heißt sie „Alt Peddenberg“. Damals waren 95 Prozent der Mitglieder Landwirte, der Kasten hing im alten Wohnzimmer der Kneipenbesitzer. Gleich nebenan sei früher die Viehwaage, die Kohlenhandlung gewesen. Während der Trecker auf der Waage stand, haben die Bauern hier ein Bierchen getrunken und dabei den Kasten gefüttert, berichtet Clemens.

Für Juliane Joormann sind Sparclubs kein Neuland: „Ich kenne sie seit vielen Jahren, früher hing in jedem Tante-Emma-Laden ein Sparkasten. Darin haben die Leute Geld für Weihnachtsgeschenke angespart.“ Das ist vielleicht heute nicht mehr bei jedem der Fall, aber eines ist gleich geblieben: Am Ende des Jahres wird der gesparte Betrag ausgezahlt und gemeinsam gefeiert. Die Auszahlung erfolgt wie früher in Tüten. Wie sie vor vielen Jahren schon aussahen, mit einem Tannenbaum darauf.

Nach der wöchentlichen Leerung des Sparkastens wird das Geld gezählt.

„Als es erschwinglich war, hatten wir bei der Feier einen Künstler aus Holland, einen Imitator, der Otto Waalkes nachgemacht hat. Das kann man heute gar nicht bezahlen. Das Geld sparen wir uns, da gibt es auch kein Anspruchsdenken der Clubmitglieder“, so Uwe Clemens. Dafür wird der Musiker aus dem Dorf engagiert.

Zu einer solchen Feier begleitete Friedhelm Joormann seine Frau. Und wurde Mitglied im Club und ist mittlerweile der Vorsitzende. „Ich war vorletztes Jahr bei der Feier, meine Frau ist schon Mitglied gewesen. Sie suchten dann einen neuen Vorsitzenden. Falls kein neuer gefunden worden wäre, wäre der Verein in die Brüche gegangen. Da die Veranstaltung sehr gemütlich war, habe ich mich ins kalte Wasser schmeißen lassen“, so Joormann.

Vor drei Jahren ist das Ehepaar nach Drevenack gezogen. Ein Vorteil eines Sparclubs ist: Man lernt Leute kennen. „Der Sparclub hat dazu beigetragen, dass wir nach dem Umzug Kontakte knüpfen konnten. Traurig ist es, dass Neubürger kein Interesse haben, sie klammern sich aus. Wir würden sie mit offenen Armen begrüßen“, erzählt Juliane Joormann. Im Sommer will der Club gemeinsam mit Vereinswirt Uli Vennmann einen Grillabend ausrichten, zu dem auch Nichtsparer kommen können.

Anfänglich waren es wohl 30 Sparer, die in der damaligen Gaststätte regelmäßig den Kasten fütterten. Heute zählt der Club 93 Mitglieder. Dazu gehören auch Vereine oder Chöre. Jedes Mitglieder hat einen Pflichtbeitrag zu leisten: Pro Woche muss er mindestens drei Euro in den Kasten werfen. „Nach oben sind aber keine Grenzen gesetzt. Es gibt viele Leute, die erheblich mehr sparen“, weiß Friedhelm Joormann.

Eine Feier mit Tombola

Einmal in der Woche wird der Kasten geleert. Das Geld wird sofort zur Bank gebracht, wird gespart, zu „Wahnsinnszinsen“, schmunzelt Joormann. Das ist aber den Mitgliedern egal. Am Ende des Jahres steht eine Feier auf dem Programm, es gibt ein leckeres Essen und eine Tombola. Finanziert wird das Fest durch den Mitgliedsbeitrag von zehn Euro. Gibt es durch den Losverkauf einen Überschuss, kommt dieses Geld dem Verein zugute. „Es werden höherwertige Tombolapreise gekauft oder es wird bei der Feier ein Begrüßungsschnaps serviert“, erklärt Uwe Clemens. Und jeder geht später mit einem gefüllten Tütchen nach Hause.

Michael Turek

Facebook
 
Kommentare
Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6330088/create

Aktuelle Fotos und Videos
Eselrock
Bildgalerie
Festival
KuBa Festival
Bildgalerie
Kulturbahnhof
Drachenbootregatta
Bildgalerie
Drachebootrennen
Frühlingstreff
Bildgalerie
Dingden
Aus dem Ressort
Exhibitionist festgenommen
Polizei
Ein Mann zeigte sich am Donnerstag gegen 13.20 Uhr zwei zwölf und 13 Jahre alten Mädchen am Franz-Etzel-Platz in schamverletzender Weise.
Neue Schule: CDU will sich nicht festlegen
Schule
Die Ratsfraktion möchte dem Elternwillen nicht vorgreifen. Sekundarschule und Gymnasium sind möglich