Die Piazza von Wesel

Die Besucherzahl hält sich noch in Grenzen, aber sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen kommen, füllen sich die Tische.
Die Besucherzahl hält sich noch in Grenzen, aber sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen kommen, füllen sich die Tische.
Foto: www.blossey.eu
Was wir bereits wissen
Das Kneipenviertel in der Innenstadt ist ein Treffpunkt für viele Weseler. Doch der Besucherstrom hat über die Jahre abgenommen, resümieren Wirte und Gäste.

Wesel..  Noch ist die Zahl der Gäste auf dem Kornmarkt überschaubar. Eine Dame hat es sich mit einem Buch im Müllers gemütlich gemacht. Eine Gruppe Fahrradfahrer bricht nach einer kurzen Rast auf der Terrasse des italientischen Restaurants „Antonella“ wieder auf.

Am bronzenen Brunnen spielt derweil ein kleines Mädchen, taucht ihre Hände in das kalte Wasser und quiekt vergnügt vor sich hin. „Brrr...“, das Wasser ist wohl doch noch zu kalt. Kein Wunder. Die wärmende Sonne hat sich für einen Moment hinter die grauen Wolken verzogen – der Sommer hält sich in diesen Tagen noch bedeckt.

Mehr Sonne, mehr Gäste

„Die Gastronomie ist eben ein Sommerleben“, weiß Lana Szkudlarek. Die 25-Jährige arbeitet seit dreieinhalb Jahren als Kellnerin im Fasskeller. Wenn die Temperaturen steigen, kommen auch die Gäste. Dann sind nicht nur die Tische im Inneren besetzt, sondern auch die auf der mit Bäumen gesäumte Terrasse.

Viel Zeit zum Quatschen hat die Kellnerin trotzdem nicht: Das Mineralwasser und die Cola sind angerichtet, auf einem Tablett balanciert Lana Szkudlarek die vier Gläser und Flaschen zu den Gästen. „Ab 17 Uhr geht’s richtig los, dann ist viel zu tun.“ Sie steht schon seit 14.30 Uhr im Laden.

Arbeiten auch an Feiertagen

Kellnern, das sei schon immer ihr Berufswunsch gewesen. Durch ihre beste Freundin ist sie in den Fasskeller gekommen. „Aber ich bin schon mit dem Job großgeworden.“ Ihre Eltern haben selbst eine Kneipe betrieben, dass die Tochter in ihre Fußstapfen tritt, wollten sie dennoch nicht. „Sie haben mich vor den Arbeitszeiten gewarnt. Als Kellnerin muss man eben auch an den Feiertagen parat stehen.“ Die junge Frau störte das nicht, sie hat sich durchgesetzt – „es ist mein Traumberuf“. Eine Klingel schrillt, Essen ist fertig, Lana Szkudlarek muss schnell in die Küche.

Dass das Leben in der Gastronomie nicht immer einfach ist, weiß auch Restaurantbesitzer Santo Viro. Vor gut einem Jahr hat er das „Antonella“ übernommen. Wenige Jahre zuvor war er bereits Geschäftsführer. Als der 49-Jährige das Angebot bekam, schlug er sofort zu. Jetzt arbeitet er 50 Stunden die Woche, einfach mal Urlaub machen, das geht nicht. „Aber ich wusste ja, worauf ich mich einlasse“, sagt der Italiener und zuckt mit den Schultern.

Chefsein hat auch seine Nachteile

Das Chefsein habe natürlich auch Vorteile. „Wenn nichts los ist, kann ich auch mal ausspannen“ – oder die eigene Küche ausprobieren, am liebsten Fisch, „den könnte ich den ganzen Tag essen“. Bei den Gästen komme vor allem die Pizza Parma gut an oder Spaghetti mit Rucola. Eine Dame am Nebentisch lugt über ihr Buch, lächelt und nickt. „Ich kenne die Weseler“, Santo Viro schmunzelt.

In einem Jahr habe er viel geschafft, resümiert der Chef. „Wir haben den Gästen gezeigt: Das ‘Antonella’ lebt noch.“ Dennoch ist er skeptisch, der Besucherstrom auf dem Kornmarkt sei über die Jahre zurückgegangen, nur wenn das Wetter schön ist, „dann ist es wie auf der Piazza in Italien.“

Politiker bleibt Politiker

Hilmar Schulz sieht das kritischer, der große Wesler Platz ist leerer geworden, urteilt er. Der Vorsitzende der Weseler Partei „WWW – die junge Alternative“ ist Mitglied im Rat der Stadt. Aber für heute hat er Feierabend, sagt der 32-Jährige und trinkt einen Schluck aus seiner Cola. Hilmar Schulz hat es sich unter den Sonnenschirmen der Kornmarkt-Kneipe by Blühmi gemütlich gemacht. So ganz aus seiner Haut als Kommunalpolitiker kann er dann aber doch nicht. „Es ist schön, dass so eine Stadt wie Wesel eine Kneipenszene hat – auch wenn sie auf dem absteigenden Ast ist. Man muss den Standort Kornmarkt mehr unterstützen.“

Eine Möglichkeit sieht er darin, städtische Feste wie das Hansefest hierhin zu verlegen. „Man sollte das Viertel wieder mehr in den Mittelpunkt rücken.“ Aber auch den Strukturwandel sieht Schulz als Problem. Das Feierabend-Bier in der Eckkneipe ist out, großflächige Events ziehen die Besucherströme. Den Kornmarkt-Donnerstag gibt es schon lange nicht mehr, vom Rauchverbot, dass seit 2013 gilt, will er gar nicht erst anfangen.

Treffen nach 20 Jahren

Ein Lob muss der 32-Jährige dann aber doch noch aussprechen, bevor er geht und die Terrasse der Eckkneipe sich wieder leert. „Es ist schön, dass der Platz nutzbar gemacht wird, so wie im letzten Jahr durch das Public Viewing.“

Ruth Niehues ist das egal, sie besucht den Kornmarkt gerne. Obwohl sie keine Weselerin ist. Noch nicht. Die 43-Jährige kommt aus Stadtlohn im Kreis Borken, gut 50 Kilometer entfernt. Heute ist ein besonderer Tag für die Verkäuferin. Sie trifft eine alte Freundin, 20 Jahre haben sie sich nicht mehr gesehen. „Warum eigentlich?“ – Freundin Christiane zuckt die Schultern.

In einem sozialen Netzwerk knüpfte man wieder Kontakt. Auf dem Kornmarkt geht es nun Angesicht zu Angesicht weiter. „Es ist so schön ruhig hier, nicht so überlaufen. Da kann man sich gut unterhalten. Bei uns gibt es sowas nicht.“ Ruth Niehues schaut sich um, zeigt auf die aufgestellten Palmen. „Hier kann man sich richtig entspannen.“

Wie man auf dem Kornmarkt feiern kann, ist hier zu sehen.