Verkehr
Die Niederrhein-Brücke Wesel ist eröffnet
30.11.2009 | 17:56 Uhr 2009-11-30T17:56:00+0100
Wesel. Brückentag und -schlag in Wesel: Hunderte Schaulustige wollten sich nicht entgehen lassen, wie Verkehrsminister Peter Ramsauer und Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Wesels neues, 73 Millionen Euro teures Wahrzeichen für den Straßenverkehr freigeben: die Niederrhein-Brücke. Mit Video.
Ministerpräsident Jürgen Rüttgers saß längst wieder im Auto, da dirigierte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer vor dem Wasser- und Schifffahrtsamt auf der Büdericher Insel noch frohgelaunt das Vesalia-Blasorchester. Der Bürgerwehrmarsch war's, der den CSU-Politiker im Schatten der neuen Niederrhein-Brücke begeisterte, und viele Weseler schauten zu. Der Bayer und die Blasmusik – da hatten sich zwei gesucht und gefunden. Für ihn waren es heimische Klänge am Niederrhein, der sich pünktlich zum „Jahrhundertereignis” von seiner schönsten Seite zeigte.
Täglich 28.000 Autos auf der Bundesstraßen-Brücke
Derartige Superlative wurden bei der feierlichen Einweihung der 74 Millionen Euro teuren Niederrhein-Brücke gestern Vormittag immer wieder genannt. Zum Beispiel, dass die Bundesstraße 58, zu der die Querung gehört, zurzeit durchschnittlich 28 000 Fahrzeuge am Tag verkraften muss und damit eine der am stärksten befahrenen Straßen bundesweit ist.
Die Niederrhein-Brücke ist 787 Meter lang und 29 Meter breit, wenngleich zurzeit erst einmal nur die beiden Fahrbahnen auf der nördlichen Seite freigegeben wurden. Spätestens im Herbst 2010 sollen alle vier Spuren bereitstehen, für geschätzte 32 000 Fahrzeuge täglich.
Knapp 335 Meter der neuen Rheinquerung befinden sich über dem Strom, wobei die neue Brücke deutlich höher ist als die alte. Sie steht auf 150 Pfählen aus Stahlbeton, die bis zu 24 Meter lang sind und einen Durchmesser von 1.50 Meter haben. Insgesamt wurden für den Bau 26 500 Kubikmeter Beton benötigt. Hinzu kommen 5600 Tonnen Baustahl und 3900 Tonnen Betonstahl. Bei den Erdarbeiten wurden 125 000 Kubikmeter Boden bewegt. Markant hebt sich der 130 Meter hohe Pylon ab, der weithin sichtbar ist.
Für 2015 ist die Fertigstellung der zehn Kilometer langen Strecke zwischen Büderich und dem Fusternberg geplant. 75 Prozent des Durchgangsverkehrs soll dann nicht mehr mitten durch die Stadt, sondern über die Umgehungen fließen.
Auf der hölzernen Bühne unter dem orangefarbenen Schirm geriet Rüttgers dann schnell ins Schwärmen: „Die sieht gut aus, schon quasi elegant”, sagte er inmitten von Bürgern und Politikern, die am Morgen in Scharen auf die Brücke gekommen waren.
Sie alle wollten dabei sein, wenn das Band durchgeschnitten und der Weg – zunächst für Fußgänger und Radfahrer – freigegeben wird. Hunderte Menschen hielten mit ihren Fotoapparaten das Geschehen rund um die seit langem herbeigesehnte Eröffnung fest. Sie schlenderten über die nagelneue Fahrbahn und genossen den atemberaubenden Ausblick durch das rot gestrichene Brückengeländer, der sich ein paar Stunden später auch den Autofahrern bot.
Durchfahrtsbreite verdoppelt
Die Politprominenz mit Bürgermeisterin Ulrike Westkamp und Landrat Ansgar Müller erkundete das Bauwerk dann zuerst – in einem silberfarbenen „School Bus”. Weitere Touren mit Normalbürgern folgten, auch in einem doppelstöckigen Reisebus. Viereinhalb Jahre hat der Bau gedauert, „der lange ersehnte, unendlich wichtige Brückenschlag über den Rhein”, wie Ramsauer es ausdrückte. Die B 58 neu und die Rheinbrücke sorgten nicht nur für eine reibungslose Rheinquerung, sondern nutze auch dem Schiffsverkehr. Schließlich verdoppelte sich die Durchfahrtsbreite von 150 auf 300 Meter.
Derweil erinnerte Rüttgers an ein Vierteljahrhundert, in dem über die Rheinbrücke diskutiert wurde, an sechs Jahre Planung und gut vier Jahre Bau. „Hier endet heute wieder ein Stück Nachkriegsgeschichte”, sagte er im Hinblick auf die parallel verlaufende Behelfsbrücke, die immerhin fast 56 Jahre genutzt wurde. Die Niederrhein-Brücke stehe für den Aufbruch und für eine gute Zukunft im Herzen Europas. Immerhin fließe ein Fünftel des gesamtdeutschen Straßenverkehrs durch Nordrhein-Westfalen. Das Land sei eine Warendrehscheibe, was gut für die Arbeitnehmer, die Unternehmer und die Verbraucher sei.
14 Tage ohne Lärm
Bürgermeisterin Ulrike Westkamp verwies darauf, dass schon die Baustelle spektkulär war. Und ab sofort könnten die Büdericher wegen der Sperrung der Ortsdurchfahrt 14 Tage lang testen, wie es sich ohne Verkehrslärm und Dauerstau lebt. Westkamp machte sich außerdem für die Beleuchtung des neuen Weseler Wahrzeichens stark, das in der Kreisstadt einzig und allein vom Büdericher Fernsehturm überragt wird.
Die Unterstützung der Wirtschaft stehe bereits, jetzt müsse noch die Genehmigung von oberster Stelle erfolgen. Minister Ramsauer scheint dem Vorhaben der Weseler wohlwollend gegenüberzustehen. Schließlich gibt es auch im süddeutschen Raum beleuchtete Brücken.
Den Segen für das neue Bauwerk erteilten abschließend Pfarrer Thomas Brödenfeld und Kreisdechant Karl-Heinz Mengedodt. „Allzeit gute Fahrt”, wünschte der Landrat, der findet, dass die Rheinbrücke „riesig chic” geworden ist.
Und auch wenn der Bayerische Defiliermarsch nicht so ganz zum Niederrhein passt, einem hat's prima gefallen: Hätte er das geahnt, sagte der Bundesverkehrsminister, wäre er schon einen Tag früher nach Wesel gereist.
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