Die Hoffnung für verlorene Kinder liegt im Ausland

Wenn die Fachleute am Ende sind, hilft manchmal ein Schritt in die Fremde, um Orientierung zu finden. Symbolf
Wenn die Fachleute am Ende sind, hilft manchmal ein Schritt in die Fremde, um Orientierung zu finden. Symbolf
Foto: Julian Stratenschulte
Was wir bereits wissen
Wesels Jugendamt schickte in zehn Jahren sechs Jugendliche in Einrichtungen jenseits der Grenze. Die Verwaltung kontrolliert persönlich

Wesel..  Gelsenkirchens Jugendamtsskandal schlägt Wellen - werden auch hier Kinder ins Ausland geschickt, wenn ja wohin? Und kontrolliert jemand, wie sie dort leben und ob ihnen geholfen wird? Zwei junge Weselerinnen hat das Jugendamt aktuell noch in einer polnischen Einrichtung, in den vergangenen zehn Jahren waren zusammen sechs Jugendliche im Ausland untergebracht. Das teilte gestern die Verwaltung dem Jugendhilfeausschuss mit.

Frankreich, Portugal, Polen und Ungarn waren die Aufenthaltsorte - es handelt sich um Jugendliche, denen sonst nichts mehr half. Und: Sie sind aus eigenen Stücken dort, niemand wird gegen seinen Willen in einer solche Einrichtung untergebracht. „Die Jugendlichen haben schon viel Erfahrung mit der Jugendhilfe“, erläutert der zuständige Dezernent Daniel Kunstleben im Gespräch mit der NRZ. Es ist ihre letzte Chance. Doch was können ausländische Einrichtungen, was hier nicht geht?

„Es ist erforderlich, sie in ein komplett anderes Umfeld zu bringen“, so Kunstleben. Fern von den negativen Einflüssen der Freunde und der Familie. Diese Kinder nehmen Drogen, trinken, sind mitunter gewalttätig oder prostituieren sich, laufen immer wieder weg. „Im Ausland sind sie auf sich selbst gestellt“, so Kunstleben. Da gibt es die Sprachbarrieren. Und weite Wege, eine dünne Infrastruktur. Weglaufen geht kaum.

Wesel arbeitet mit Institutionen zusammen, die auch im Inland aktiv sind und die die Verwaltung kennt. Dennoch verlasse man sich nicht allein auf die vertraglichen Vereinbarungen und die Zusagen. Regelmäßig besuchen Mitarbeiter die intensivpädagogischen Einrichtungen auch vor Ort.

Wesels Partner sind Einrichtungen wie die Gesellschaft für Jugendhilfe und Familien St. Agnes aus Oer Erkenschwick. Kostet die Unterbringung eines Jugendlichen im Inland rund 130 bis 170 Euro am Tag, in einer Intensivgruppe 180 bis 250 Euro, berechnet beispielsweise St. Agnes 197 bis 202 Euro täglich für die Intensivpädagogik im Ausland - sie ist nicht teurer als im Inland.

Doch Polen, Ungarn, wo auch immer: Die Verantwortung für das Wohlergehen der Jugendlichen liegt immer beim Weseler Jugendamt. Ein enges Gerüst an Regeln und Qualitätsstandards, Verträgen, Gesetzen und Selbstverpflichtungen soll unter anderem dafür Sorgen, dass die Kinder doch noch eine Perspektive bekommen. Häufig gelinge das.