Die Angst vor neuen Übergriffen

Die Tür wurde einfach aufgehebelt. Harald Schwyrz beklagt mangelnde Polizeipräsenz in der Innenstadt. Innerhalb von sechs Jahren brachen Unbekannte  fünfmal bei ihm ein.
Die Tür wurde einfach aufgehebelt. Harald Schwyrz beklagt mangelnde Polizeipräsenz in der Innenstadt. Innerhalb von sechs Jahren brachen Unbekannte fünfmal bei ihm ein.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Harald Schwyrz besitzt eine Arztpraxis am Großen Markt in Wesel. Er ist besorgt. Innerhalb der letzten sechs Jahre wurde fünfmal bei ihm eingebrochen.

Wesel..  An Weihnachten schlugen die Einbrecher wieder zu. Harald Schwyrz, seit fast 30 Jahren niedergelassener Arzt am Großen Markt, befand sich im Urlaub, als Unbekannte morgens gegen 4.30 Uhr die Tür zu seinem Labor aufhebelten. Als sie dort nichts fanden, machten sie sich an der Tür zur Praxis zu schaffen. Harald Schwyrz hatte Glück im Unglück. Ein Nachbar wurde aufmerksam - die Täter ergriffen die Flucht. Geblieben ist eine ständige Unruhe, die Angst vor neuen Übergriffen. Schwyrz hält in dieser Hinsicht so etwas wie einen traurigen Rekord. Fünfmal wurde in den letzten Jahren in seine Praxis eingebrochen. Schwyrz macht sich Sorgen. Und er ist außer sich vor Wut.

Ein Einbruch am helllichten Tag

Angefangen hat alles vor rund fünf Jahren. Davor war jahrzehntelang Ruhe, erinnert sich Schwyrz. 2009 ereignete sich dann der erste Einbruch. Seither wiederholen sich die Vorfälle in regelmäßigen Abständen. 2011 und 2012 machten sich Unbekannte an seiner Praxis zu schaffen, im Februar 2014 wieder und zuletzt am zweiten Weihnachtstag. In einem Fall konnte die Polizei den Täter stellen. In allen anderen passierte das, was bei den meisten Einbruchsdelikten passiert. Eine Fahndung blieb ohne Erfolg. Oder Schwyrz zeigte sie gar nicht mehr an.

Der Weseler ist ein Mann, der sich zu helfen weiß. Er rüstete auf. Inzwischen ist er von Panzerglas, Dreifachschlössern und schweren Riegeln umgeben. Rund 25 000 Euro, schätzt er, gab er in den letzten Jahren für seine Sicherheit aus.

Genutzt hat es wenig. Schwyrz zeigt Hebelspuren an den Türen. Die Räume wurden mehrfach verwüstet, gestohlen wurde zum Glück nichts; Wertsachen bewahrt das Team schon lange nicht mehr in der Praxis auf. Ungleich schwerer wiegt das mulmige Gefühl, das der Arzt und seine Mitarbeiterinnen mittlerweile empfinden, wenn sie die Räume betreten. Schwyrz denkt darüber nach, keinen nächtlichen Notdienst mehr zu leisten. Ein Einbruch, erzählt eine langjährige Angestellte, ereignete sich am helllichten Tag, als die Frauen grade im Pausenraum saßen.

Schwyrz macht keinen Hehl aus seiner Wut. Er fühlt sich vom Staat allein gelassen. „Es ist seine Pflicht, die Bürger zu schützen.“ Nach dem Fall im Februar, berichtet er, habe die Polizei am Großen Markt verstärkt Präsenz gezeigt. Das habe aber nur ein halbes Jahr angehalten, und die Folgen habe er Weihnachten zu spüren bekommen. Für Schwyrz ein unverständliches Vorgehen: Auch in der Nachbarschaft klagten die Menschen über versuchte Einbruchsdelikte. Mittlerweile überlegt er, die Sache selbst in die Hand zu nehmen und eine Bürgerwehr zu gründen: „Großer Markt und Kornmarkt sind heute in Wesel Kriminalitätsschwerpunkte.“

Polizeisprecherin Sabine Vetter bestreitet das. Sie verweist auf die Kriminalitätsstatistik: Seit Mai 2014 wurden am Großen Markt nur zwei Einbrüche aktenkundig. In ganz Wesel kamen im Beispielmonat November 2014 drei Fälle zur Anzeige, acht waren es im Vorjahreszeitraum. Unbestritten sei dagegen der Anstieg der kreisweiten Einbruchsdelikte in den letzten Jahren. „Das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit.“ Noch im September habe man eine Sonderkommission eingerichtet, Polizisten kontrollierten schwerpunktmäßig Viertel und Straßen. Sabine Vetter kann die Sorgen der Bürger verstehen, räumt allerdings auch vorsichtig ein: „Wir können nicht jeden Einzelnen bewachen.“

Der Abbau von Planstellen

Schwyrz helfen Statistiken nicht weiter. „Nicht jeder Fall kommt zur Anzeige“, gibt er zu Bedenken. Er und seine Mitarbeiter werden weiterhin Angst haben, die Praxis zu betreten. Einen Wachdienst anheuern kann er nicht, das überschreitet seine finanziellen Möglichkeiten. Eine Kamera installieren darf er aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht. Schwyrz hat jetzt an den NRW-Innenminister geschrieben und fordert ihn auf, dafür Sorge zu tragen, die Menschen besser zu schützen: „Der stetige Abbau von Planstellen bei der Polizei in Verbindung mit allen Überstunden aus der Verkehrsüberwachung lassen den Polizeibeamten ja gar keinen Spielraum mehr, um die Sicherheit der Menschen in diesem Land halbwegs zu gewährleisten“, heißt es in dem Brief Ob er eine Antwort erhält, ist mehr als fraglich.