„Der Einzelhandel muss sich neu erfinden“

Die Veranstaltung über die Auswirkungen des Internets auf den stationären Handel lockte viele Interessierte in den Ratssaal. Neben der Bürgermeisterin die beiden Referenten.
Die Veranstaltung über die Auswirkungen des Internets auf den stationären Handel lockte viele Interessierte in den Ratssaal. Neben der Bürgermeisterin die beiden Referenten.
Foto: NRZ
Veranstaltung in Wesel traf einen Nerv und wirkte teils wie ein Weckruf. Die Resonanz war groß und löste eine Debatte aus.

Wesel..  Kein Erdbeben, aber eine ordentliche Erschütterung im Ratssaal: Das, was dort am Mittwochabend über das gewaltige Vordringen des Online-Handels auf breiter Front zu hören war, machte staunen und musste alarmieren. Der so genannte stationäre Handel, also die „real vorfindbaren“ Geschäfte, müssen sich rasch etwas einfallen lassen, lautete das Fazit. Der Vorgang des Kaufens und Einkaufens definiert sich teils ganz neu, und die Frage, was aus Wesel als Einkaufstadt wird, ist berechtigt.

Die Sensibilität für das Thema ist da, wie der volle Saal mit Besuchern auch von außerhalb und ein großes Medien-Interesse bewiesen. Die Initiative des Arbeitskreises aus Handel, Stadtverwaltung und City-Management tat gut daran, mit Prof. Dr. Gerrit Heinemann, der an der Mönchengladbacher Hochschule Niederrhein BWL, Management und Handel lehrt, sowie dem Düsseldorfer Geschäftsmann und Handelsexperten Elmar Fedderke zwei kompetente Referenten mit unterschiedlichen Ansätzen einzuladen. Sie schilderten die Situation so faktenreich wie spannend, und auch der Praxisbezug kam nicht zu kurz.

Die Augen geöffnet

Prof. Heinemann öffnete vielen die Augen. Der Online-Handel als konsequente Fortsetzung der weit verbreiteten Selbstbedienung ist 2014 um 22 Prozent gewachsen und erreicht von Jahr zu Jahr höhere Zuwachsraten. Bis 2020 werde er sich mindestens verdoppeln, so der Referent. Die besonders stark betroffenen Klein- und Mittelzentren wie Wesel würden in den nächsten Jahren bis zu einem Viertel ihres Umsatzes auf der Fläche verlieren. Am stärksten betroffen ist der Spielwaren-Handel, dem das Internet 40 Prozent nimmt, gefolgt von Medien mit 33 Prozent. Insbesondere der Bücher-Handel spürt die elektronische Konkurrenz. Starke Triebfedern dieser Entwicklung sitzen in den USA und Großbritannien, wo die Online-/Offline-Entwicklung im Handel uns um Jahre voraus ist.

Die Erfindung des mobilen Internets per Smartphone wirkt revolutionär. Intensiv wird es zur Einkaufsvorbereitung genutzt: zum Preisvergleich, aber auch zur Abfrage der Verfügbarkeit gewünschter Artikel. 69 Prozent der über 14-Jährigen sind mobil online. Sie suchen vielfach stationäre Händler, die aber oft nicht online präsent sind.

Der vielfache Groll gegenüber Amazon, von Prof. Heinemann als alles platt machende „Feuerwalze“ bezeichnet, ändert nichts am Erfolg dieses Online-Versandhändlers. Er habe die Kunden mit 60 Millionen Artikeln und bequemem, schnellem Service quasi „versaut’“, so der Referent. Sie wollten die volle Auswahl, online wie stationär, und das ganz schnell. Meist interessiere sie nicht, unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt worden sei. Sie umerziehen zu wollen, sei „fast unmöglich“.

Das Internet als Freund

Die Konsequenz für die Weseler Einzelhändler: „Das stationäre Geschäft muss neu erfunden werden.“ Und: „Versuchen Sie, das Internet als Freund zu sehen.“ Es gelte, Kombinationen beider Angebotsformen zu schaffen.

Die Handy-Nutzung unterstützen – per W-Lan im Laden wie in der Fußgängerzone; die nach der Information im Laden oft erst zu Hause erfolgende Kaufentscheidung und -handlung „mitdenken“ und begleiten, die digitale Zusammenstellung von Warenkörben nebst Abholung oder Lieferung (auch bei Retouren) nannte Prof. Heinemann als Ansätze der Kombinatin von Online- und Offline-Handel. Er forderte unter anderem, die lokale Nähe zu den Kunden zu nutzen, weniger Reglementierungen (Öffnungszeiten, Baunutzung), die Verhinderung von Ansiedlungen auf Großflächen am Stadtrand. Auch die bequeme Verfügbarkeit einkaufsnahen Parkraumes, von Zuhörer Rudolf Spelmanns angesprochen, sei ganz wichtig.

Unersetzbar: Der Faktor Mensch

„Warum machen wir unseren Kunden den Wechsel ins Internet so leicht?“, fragte Elmar Fedderke und sprach vor dem Hintergrund eigener Erfahrung als bekennender stationärer Händler, den „Faktor Mensch“ an, den das Internet nicht bieten könne. Die ewigen Rabatt-Aktionen sorgten nicht für Kundenbindung. Mit der „Besinnung auf Grundtugenden“ müssten sich die Einzelhändler Vorteile im Wettbewerb verschaffen. Selbstkritik und Selbstkontrolle seien wichtig und die Bereitschaft, den Blickwinkel des Kunden einzunehmen, der unterschiedliche Erwartungshaltungen zeige.

Aktionen, die menschliche Begegnungen beinhalten, empfahl er und durchaus auch die Einbeziehung emotionaler Elemente. Das Tele-Shopping zeige, wie man als „Wunscherfüller“ agieren könne. Neben dem Produkt müsse die Leistung „greifbar gemacht“ werden.

Fedderke wies auf gemeinschaftliche Modelle hin – wie Online City in Wuppertal oder „Buy local“, wo der Wert des Einkaufs vor Ort herausgestellt wird. Das könne als eine Marke durchaus gegen Amazon gesetzt werden. Das Internet sei einzuschließen, aber nicht jeder müsse einen Online-Shop haben. Er machte Hoffnung: „Dass Menschen bei Menschen kaufen, wird auch in Zukunft noch Bedeutung haben.“