Das Tor steht immer offen

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Wesel..  Es wird wärmer, die Sonne lacht, und alles beginnt zu blühen. Wer jetzt keinen eigenen Garten hat, sucht einen alternativen Weg ins Grün. Der Kleingartenverein Nordstraße ist einer von neun Gartenvereinen in Wesel, in dem 24 Parzellenbesitzer mit Familien und Freunden Erholung suchen.

Willi Doormann ist noch relativ frisch in der Schrebergarten-Welt. Seit einem Jahr nennt er eine der Parzellen sein Eigen. „Ich wollte immer einen Garten haben. Zuhause habe ich nur einen Balkon“, erklärt der 51-jährige Lagerarbeiter. „Als mein Arbeitskollege Detlef mir erzählt hat, dass der Garten frei wird, habe ich sofort zugeschlagen.“

Im letzten Sommer konnte er bereits Gurken und Tomaten ernten, in diesem Jahr soll weiteres Obst und Gemüse folgen. „Kartoffeln und Zwiebeln muss ich noch pflanzen. Hier vorne habe ich Erdbeeren im Hochbeet und im Treibhaus Tomaten, Gurken und Paprika.“ Mit diesen Projekten hält er sich an die Dreiteilung des Gartens, die der Verein vorgibt: je ein Drittel Rasen, Laube, Anbau.

Doch diese Vorgabe bedeutet nicht, dass hier die kreative Selbstverwirklichung außer Acht gelassen würde. In einigen Parzellen finden sich Teiche. Auch Willi Doormann hat einen, an dessen Rand sich die typischen, grasartigen Ufergewächse angesiedelt haben. Fische allerdings schwimmen noch nicht darin. Andere Kleingärtner setzten auf bunte Blumen oder dezent blühende Obstbäume. Akkurat gestutzte Rasenflächen mit symmetrisch angelegten Beeten finden hier ebenso Platz wie ein ökologisch wertvoller Naturgarten mit Bodendeckern.

„Was angebaut wird, ist im Grunde genommen egal, so lange es kein Marihuana ist“, scherzt Detlef Radetzki, zweiter Vorsitzender der Kleingärtner. Seit sieben Jahren nutzt er seine Parzelle mit Frau und Tochter - bei schönem Wetter jeden Tag. Die Aufteilung ist dabei klar: „Ich bin für den erholsamen Teil zuständig, das Grillen“, lacht der 54-Jährige. Seine Frau übernehme die Pflege von Beeten und Obstbäumen.

Wo kommen die Kartoffeln her?

Die Entscheidung für den Garten kam mit der heute elfjährigen Tochter. „Als ich mit meiner Frau noch allein war, saßen wir immer auf dem Balkon. Mit unserer Tochter wollte ich mehr ins Grüne, damit sie lernt, dass es Erdbeeren nicht nur aus dem Schälchen im Supermarkt gibt“, erklärt Radetzki. „Ich war einmal ganz schockiert, als einer ihrer Freunde noch nicht einmal wusste, ob Kartoffeln ober- oder unterirdisch wachsen. Der kannte sie nur aus dem Netz.“

Um seine Tochter für das Draußensein zu begeistern, gibt es in seinem Garten auch eine Schaukel nebst Hängematte. Früher hatte sie einen Sandkasten, doch als sie mit dem Älterwerden das Interesse daran verlor, baute der Vater ihn kurzerhand in ein Insekten-Hotel um.

Kirschen und Winteräpfel

Im Garten der Radetzkis wachsen Rhabarber, Tomaten, Gurken, Paprika und Johannisbeeren. Auf dem Rasen stehen zwei Kirschbäume - einmal süß, einmal sauer -, zwei Apfelbäume, ein Pflaumen- und ein Pfirsichbaum. Die Letzteren sind neu und haben noch keine Früchte getragen. Dafür gab es im letzten Jahr nach sieben Jahren zum ersten Mal Winteräpfel.

Besonders schätzt Detlef Radetzki, dass ein Kleingarten recht günstig ist. Er zahlt monatlich rund 20 Euro. Damit sind Versicherung, Pachtbeitrag, Wasser und Strom abgegolten. Entschließt sich einer, seine Parzelle zu verkaufen, bilden die Vorsitzenden drei weiterer Vereine eine Bewertungskommission, um den Preis zu schätzen. „Da wird jeder Stein und jeder Baum einbezogen. Hier liegen die Preise meist um die 3000 Euro.“

Ein weiterer Pluspunkt ist eine angenehme, nachbarschaftliche Atmosphäre. Einmal im Jahr gibt es ein Sommerfest. Aber auch sonst besuchen die Kleingärtner sich in ihren Gärten oder halten Schwätzchen über die Zäune. Auch Besucher sind willkommen. Mit Freunden, Verwandten und Kollegen wird häufig gegrillt oder gemeinsam entspannt. „Viele Menschen wissen nicht, dass Kleingartenanlagen öffentliches Gut sind“, erklärt Radetzki. „Natürlich nicht die Parzellen, aber jeder kann hier her kommen und über die Hauptwege laufen. Deshalb ist das Tor im Sommer auch tagsüber immer offen.“