Aus dem Tagebuch einer Bislicherin

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Wesel..  70 Jahre danach hat Thea Clostermann es gefunden, das Tagebuch ihrer Schwiegermutter und vieles andere mehr, was für die Familie und die Familienforschung auf dem Bislicher Neuhollandshof von hohem Wert ist. 70 Jahre danach blättert sie zusammen mit ihrem Ehemann Rolf in dem handlichen kleinen Heft mit dem braunen Einband aus dem Weseler Schreibwarengeschäft Link und erfährt so eine ganze Menge über das, was Dorothee Overdiek im Alter von 16 und 17 Jahren bewegte.

Es ist der 18. September 1944, als die 16-Jährige darüber sinniert, ob es nicht Unsinn ist, in diesen Zeiten ein neues Tagebuch anzufangen. „Aber man hängt so lange wie möglich an den alten Gewohnheiten“, lautet dann ihr Entschluss, doch weiter die eigenen Gedanken schriftlich festzuhalten.

Es ist eine schwierige Zeit, das Schreckgespenst Flucht lastet auf der Familie, doch letztlich bleibt sie ihr erspart. Stattdessen ziehen alle in den Keller, samt vieler Möbel, um Schutz vor den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg zu haben. „Es ist eine Mischung aus Leichtigkeit und Schwere“, die Thea Clostermann in den vielen sorgsam aufgeschriebenen Zeilen entdeckt hat. Auf der einen Seite das Schreckliche und Dunkle, auf der anderen Spaß und Freude. So näht Dorothee die Ärmel und Hosenbeine ihrer einquartierten Gäste zu und amüsiert sich köstlich darüber, wenn sie nach einer Schere verlangen. Es ist wahrscheinlich der Wunsch nach einem unbeschwerten Alltagsleben, der sie zu solchem Schabernack treibt.

Am 21. November 1944 schreibt die 16-Jährige, dass der nahe gelegene Gimkens Hof nicht mehr steht. Sieben Soldaten und zwei Italiener sterben, als er nach einem Angriff ausbrennt. Immer wieder wird die Jugendliche auch hier auf dem Land mit dem Tod konfrontiert.

Es folgt das Weihnachtsfest. „So schön wie dieses Jahr war’s lange nicht mehr“, vertraut sie dem Tagebuch an und schildert die Bescherung von Mitarbeitern und Soldaten, die hier leben. Die Russen haben ein Bäumchen mit englischem Lametta, Äpfeln und Indianerbildern geschmückt. Es gibt ein Festessen: Apfelplattkuchen sowie Kartoffeln mit Soße und Braten.

Es sind viele Begegnungen, die Dorothee Overdiek immer wieder schildert, wie die mit einem Engländer („A nice boy of 20 years“) oder aber mit einem Fähnrich, den sie aber schon wenige Tage wieder vergessen hat. Nicht vergessen kann sie dagegen die Berichte aus Wesel, die sie über die Bombardierungen Mitte Februar erreichen. „Wesel liegt total platt, in der Innenstadt ist kein Haus bewohnbar.“ Und später: „Vorgestern hat ganz Rees in Flammen gestanden.“ Dabei denkt sie an die vielen Bekannten dort und stellt fest, dass bislang keiner zu ihnen gekommen ist. „Uns geht es noch gut“, schreibt sie, auch wenn es kein Wasser und keinen Strom mehr gibt. Man sei total von der Außenwelt abgeschnitten. Keine Post, keine Zeitung, und die Straßenbahn fährt auch nicht mehr. „Wer hätte das gedacht, dass es noch mal soweit kommen würde“, resümiert sie.

Einschüsse bis zum Hof

Inzwischen, am 11. März 1945, kommen kräftige Einschüsse von der anderen Rheinseite. Die Tommys, britische Soldaten, feuern sie ab und treffen auch den Neuhollandshof. Inzwischen ist die Zahl der Evakuierten, die auf dem Neuhollandshof untergekommen sind, sehr groß. Dorothee Overdiek übernimmt für drei Monate den Kochdienst. „Das war wundervoll“, blickt sie zurück. Zwar habe sie mehr Arbeit als jetzt beim Kartoffelschälen und anderem mehr gehabt, aber „die volle Befriedigung“. Am 24. März heißt es: „Die Front ist über uns.“ Und einen Tag später: „Ein Monat unter englischer Herrschaft. Komisch, wie schnell man sich an so was gewöhnt.“ Die Familie zieht aus dem Keller hoch in die gewohnten Räume. „Wir fühlen uns wie Gott in Frankreich“, heißt es im Tagebuch weiter.

Der Broteinkauf in Bislich wird zur Nervensache. Vor morgens um sieben darf niemand raus, um 9 Uhr beginnt der Verkauf. Als Dorothee eines Morgens hinkommt, sind schon 35 Leute vor ihr da. „Hat man Glück, bekommt etwas von dem sandigen, nicht ganz gar gebackenen Schwarzbrot“, schreibt sie.

Im Mai dann die Befreiung: „Das Zeitalter des Nationalsozialismus und Faschismus ist endgültig aus und vorbei“, steht in ihrem Tagebuch, das Thea und Rolf Clostermann wohl noch so manches Mal zur Hand nehmen werden.