„Angst hatte nur meine Mutter“

Klaus Badewitz sammelt historische Zeitdokumente auf DVD.
Klaus Badewitz sammelt historische Zeitdokumente auf DVD.
Foto: Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi
Was wir bereits wissen
Klaus Badewitz sah 1945 als achtjähriger Junge, wie Wesel bombardiert wurde. Aus etwa drei Kilometern Entfernung verfolgte er den großen Angriff auf die Rheinstadt

Wesel..  Nein, traumatische Erinnerungen habe er nicht, versichert Klaus Badewitz, wenn er an das Kriegsgeschehen in Wesel vor 70 Jahren zurückdenkt. „Angst hatte eigentlich nur meine Mutter“, erklärt der heute 78-Jährige relativ entspannt bei seinen Schilderungen der Bombenangriffe auf die Rheinstadt.

Sein Elternhaus am Drünerweg habe etwas außerhalb der Stadt gelegen. „Hier passiert nichts“, habe sein Vater Adolf stets beteuert und er war als achtjähriger Knirps der vollen Überzeugung, dass dies dann auch so sei. Die Argumente seines Vaters seien ja auch überzeugend gewesen: Die Alleierten hätten gar kein Interesse daran, Wesel zu bombardieren, da es hier keine Kriegsindustrie und keine Kaserne mit Soldaten gebe und in der einzigen größeren Firma Keramag außerdem englisches Kapital stecke. „Hier und da ist mal eine Bombe gefallen, die auf dem Rückweg vom Ruhrgebiet abgeworfen wurde, weil sie vielleicht vorher geklemmt hat“, erzählt Klaus Badewitz. Er habe in dieser Zeit mit den Nachbarskindern Wilhelm und Friedhelm Klos sowie Wilhelm Borgmann jeden Tag in den Schützengräben in der Nähe des Elternhauses gespielt. An den 16. Februar 1945 hat er noch genaue Erinnerungen: „Die ersten Bomben fielen fast gleichzeitig mit dem Fliegeralarm, der natürlich viel zu spät kam. Wir hörten die Motoren der Flugzeuge und dann die unzähligen Explosionen. Nach kurzer Zeit war alles schwarz – über der Stadt stand eine riesige Staubwolke.“ Der damals achtjährige Junge spielet mit seinen Freunden in Schützengräben etwa drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und fühlte sich dort recht sicher – ans Nachhause­gehen habe er zu keinem Zeitpunkt gedacht. „Es war doch so spannend“, sagt der Senior heute, der weiter erklärt, dass die Angreifer in einer sehr großen Höhe von rund 10 000 Metern angeflogen seien. „So waren die Bomber von der Flag nicht erreichbar, die nur bis 8000 Meter hoch Flugzeuge abschießen konnte.“

Große Sorgen habe sich an dem Tag des großen Angriffs jedoch seine Mutter gemacht. Der Sohn war nicht zu Hause und – noch wesentlich beängstigender – der Ehemann war mit dem Fahrrad in die Innenstadt gefahren, um Schäden von vorherigen Bomben-Einschlägen zu begutachten. „Mein Vater ist gegen Mittag oder etwas später in die Stadt gefahren und etwa eine Stunde danach begann der Angriff“, erinnert sich der 78-Jährige. Zwar kehrte Adolf Badewitz, der im Ersten Weltkrieg verwundet wurde und deshalb zunächst nicht eingezogen worden war, am späten Nachmittag wohlbehalten wieder nach Hause zurück, doch er erlebte dramatische Minuten: Er sei in der Nähe des heutigen Finanzamtes am Heuberg gewesen als der große Angriff begann. Sofort habe der Vater sein Fahrrad fallen gelassen und unter einem Torbogen Schutz gesucht. Als dann der Bombenhagel mal eine kurze Pause einlegte, wagte er sich aus seinem Versteck und rannte zu einem Luftschutzkeller in der Nähe, wo bereits hunderte andere Weseler Zuflucht suchten. „An der Treppe angekommen, fiel die nächste Bombe und er wurde von dem Druck nahezu die Treppe heruntergeworfen“, gibt Klaus Badewitz die Schilderungen seines Vaters wieder.

Und warum habe es überhaupt solch einen massiven Angriff auf die Hansestadt gegeben? Klaus Badewitz sagt: „Es gab die Legende, dass unter der Stadt – sogar unter dem Rhein – unterirdische Gänge lägen, die voller Soldaten seien. Die wollten die Alliierten wohl zerstören. Das erklärt auch, warum die noch weiter bombardiert haben, als fast alle Häuser schon in Schutt und Asche lagen.“ Ob das der wahre Grund war, wisse er natürlich nicht, ergänzt der 78-Jährige. Doch: „Unterirdische Gänge gab es tatsächlich. Die waren aber noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg – Wesel war ja eine Festung“, so Badewitz.